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Zuviel des Guten – THC haltige Nahrungsmittel und ihre Risiken

Die Diskussion um THC-haltige Nahrungsmittel verlangt nach Transparenz

Spätestens nach der New York Times Kolumne von Maureen Dowd, die in Denver nach dem Konsum eines THC-haltigen Schokoriegels auf ihrem Hotelzimmer von Panikattacken heimgesucht wurde, ist in den USA eine Diskussion um essbare Cannabis-Produkte, so genannte “THC-infused Edibles”, entbrannt. Weil in Colorado der öffentliche Konsum von Cannabis verboten ist und auch in vielen Hotels absolutes Rauchverbot herrscht, sind essbare THC- und CBD-Produkte immer stärker gefragt. Besonders für Touristen sind die meist aus pflanzlichem THC-Konzentrat hergestellten Süßigkeiten mangels einer Möglichkeit, das erworbene Gras auch legal zu konsumieren, oft die einfachste Form, high zu werden, ohne einen Strafzettel oder den Rausschmiss aus dem Hotel zu riskieren. Auch für Neueinsteiger, die weder vaporisieren noch rauchen möchten, ist der orale Konsum eigentlich eine gute Alternative. Allerdings gibt es beim Essen oder Trinken von Cannabis haltigen Zubereitungen auch die meisten Überdosierungen. Das hat mehrere, miteinander verknüpfte Ursachen: Erstens wirkt THC beim oralen Konsum zeitverzögert, der volle Effekt tritt erst nach 30-120 Minuten ein. Zudem spielt der Grad der Decarboxylierung eine mit entscheidende Rolle. Besonders Gras, das nicht lange gelagert wurde, enthält noch viel THC-Säure, die nicht psychoaktiv wirksam ist. Diesen Effekt nutzen eben jene Patienten, die sich die wirksamen Bestandteile der Hanfblüten nutzen wollen, ohne die psychoaktive Wirkung des THCs zu spüren. Beim “Juicing” wird der frisch geerntete Hanfpflanzen-Saft dann einfach getrunken. Frisches Gras ist noch gar nicht decarboxyliert und törnt deshalb nicht. Decarboxylierung geschieht durch lange Lagerung oder durch kurzes Erhitzen auf circa 200 Grad. Je länger man Gras lagert, umso mehr THC-Säure wird auch ohne Erhitzen in aktives THC umgewandelt. Beim Rauchen oder Vaporisieren ist es im Prinzip egal, wie hoch der Decarboxylierungs-Grad des Weeds ist, werden doch beim Erhitzen die notwendigen Temperaturen um 200 Grad erreicht. Da beim Backen oder der Herstellung von anderen THC-haltigen Lebensmitteln diese Temperatur nicht immer erreicht wird, empfiehlt Dr.Franjo Grotenhermen seinen Patienten, ihre Medizin grundsätzlich zu decarboxylieren. Denn selbst bei Bedrocan-Gras weiß der Patient nicht, wie viel THC-Säure bereits umgewandelt wurde, ganz zu schweigen von der Medizin, die sich viele Patienten auf dem Schwarzmarkt kaufen (müssen).

Cannabis zu essen ist gesünder, aber schwerer zu dosieren als das Rauchen

Beim Rauchen oder Vaporisieren kann man einfach aufhören, wenn man merkt, dass der Joint zu stark ist. Eine zu hohe Dosierung beim Essen, die bei ungeübten Konsumenten Unwohlsein hin bis zu paranoiden Zuständen auslösen kann, ist irreversibel. Außerdem haben es die “Edibles” in Colorado wirklich in sich, viele enthielten bis vor Kurzem bis zu 250mg THC. Das ist so viel wie ein Gramm starkes Indica-Gras enthält und versetzt selbst den geübten Konsumenten nicht selten in hightere Sphären. Die “Edible”-Szene wiederum  hat sich rund um die Medical Dispensaries” entwickelt, deren durchschnittliche Schokoriegel seit je her die Wirkstoffmenge von ungefähr einem Gramm Gras enthielten.  Als dann Weed Anfang des Jahres in Colorado legal wurde, haben die Kollektive ihre Zielgruppe erweitert, ohne jedoch den THC-Gehalt zu senken. Jetzt wundert man sich, dass einige Cannabis-Touristen oder neugierige Erstkonsumenten die oft hoch dosierten Riegel nicht vertragen. Außerdem haben die Produzenten nicht bedacht, dass ihr Produkt spätestens dann kindersicher verpackt und gekennzeichnet sein muss, wenn es die medizinische Nische verlässt. Oft sehen die highteren Sweetys aus wie herkömmliche Bonbons, Lollis, Schokoriegel oder Pralinen, was sie für Kinder besonders attraktiv macht. Colorads Krankenhäuser haben mehrere Kinder mit THC-Überdosierung behandeln müssen, die heimlich von den “Edibles” der Eltern genascht hatten. Die THC-haltigen Leckerlis gelten für US-Medien auch als Auslöser von mindestens zwei persönlichen Tragödien: Im März war ein Mann nach dem Genuss eines THC-Schokoriegels über die Balkonbrüstung seines Hotels gestürzt und verstarb. Nur einen Monat später später erschoss ein 47-Jähriger Mann seine Ehefrau. Die 44-Jährige hatte kurz vor den tödlichen Schüssen die Polizei angerufen und berichtet, ihr Mann sei nach dem Verzehr eines “Edibles” und Schmerzmitteln gerade am Durchdrehen. Zwar gibt es keinen einzigen Fall, bei dem gegessenes Cannabis als Ursache für einen Todesfall gilt, die Berichte über Zwischenfälle in Colorado sind jedoch bei Weitem keine Einzelfälle und deshalb ernst zu nehmen. Besonders auch, weil sich die Gegner der Re-Legalisierung auf solche Einzelfälle stürzen, um den neuen Status Quo an sich in Frage zu stellen.

Als Reaktion auf die Zwischenfälle hat das Marijuana Policy Projekt (MPP) jetzt mit “Consume Responsibly” eine 75.000 Dollar teure Präventions-Kampagne ins Leben gerufen. Ziel der Kampagne ist, die Menschen über die Gefahren einer THC-Überdosierung aufzuklären und ihnen Tipps zur Vermeidung zu vermitteln. Jetzt konnte “Consume Reponsibly” eben jene Times-Kolumnistin mit ins Boot holen, die kürzlich zuviel des Guten intus hatte. Schon am Flughafen von Denver empfängt die Besucher ein Plakat, das die Journalistin Dowd in einem Hotelzimmer zeigt, darunter steht  “Ruiniere Deine Ferien nicht mit einem Schokoriegel-mach langsam mit Edibles und bleib vernünftig” (Don’t let a candy bar ruin your vacation- with edibles start low and go slow). Mark Tvert, Sprecher des MPP, ist froh über die Kolumne der New York Times und der daraus entstandenen Diskussion. Frau Dowd, die ihren Beitrag zur Kampagne “als Weihnachtskarte nutzen möchte” , habe mit ihrer Kolumne thematisiert, was MPP, DPA und andere schon lange fordern. Natürlich birgt Cannabis auch Gefahren, über die jedoch Evidenz basiert und sachlich aufgeklärt werden müsse. Denn Jahrzehnte lang hätten Panikmache, Übertreibungen und eine herablassende Haltung gegenüber Konsumierenden die Diskussion beherrscht. “consume responsibly”  hingegen stellt dem Eigenverantwortlichkeit und Aufklärung der Konsumierenden gegenüber.

Auch der Gesetzgeber und die Hersteller haben mittlerweile reagiert. Ein Produkt darf in Colorado seit Kurzem nicht mehr als 100mg THC enthalten und muss einfach in 10 Portionen zu je 10 Gramm zu teilen sein. Außerdem müssen sie kindersicher verpackt und mit Warnhinweisen und Wirkstoffgehalt etikettiert sein. Einige hersteller haben angekündigt, in Kürze auch produkte mit nur 5mg THC anzubieten, die auch für Newbees absolut sicher seien. Genau das hatte die bekannte Kolumnistin Dowd gefordert, als die Prohibitionitische Front SAM versucht hatte, sie nach dem Verfassen ihrer viel beachteten Kolumne als Opfer der Re-Legalisierung darzustellen:

“Ich bin für die Legalisierung. Aber sie bräuchten bessere Warnhinweise und eine bessere Portionierungs-Möglichkeit für die ganzen Neugierigen, die es nach Denver zieht,” so Dowd gegenüber thedailybeast. Washington State hat bereits angekündigt, die Bestimmungen aus Colorado in seine Gesetze zur Regulierung von Cannabis zu übernehmen.


Kommentare

Eine Antwort zu „Zuviel des Guten – THC haltige Nahrungsmittel und ihre Risiken“

  1. Anonymous

    RE: Zu viel des Guten: Die Diskussion um THC-haltige Nahrungsmit
    Was sie außerdem dort brauchen, ist eine Möglichkeit, wie auch außerhalb der eigenen Wohnung legal geraucht und/oder vaporisiert werden kann.
    Insofern ist (leider) Colorado ein weiteres Beispiel dafür, wie eine Legalisierung nicht bis zum Ende durchdacht wurde. Man lässt die Leute sich mit Schokoriegeln ins All bzw. ins Sofainnere schießen, aber macht den schadensminimierenden Inhalativkonsum für Nicht-Einwohner faktisch unmöglich… Merkwürdige, wohl typisch US-amerikanische Gratwanderung zwischen Gesundheitswahn und Kommerzialisierung

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