Neue Studie zu Psychosen liefert viel Schlagzeilen und wenig Erkenntnisse

  • Veröffentlicht am: 13. März 2015 - 15:30
  • Von: Maximilian Plenert

Ein Fall von Junk Science zu Skunk geisterte im Februar durch die nationale und internationale Presse. "Erhöht Kiffen das Risiko für eine Psychose?" fragte der Spiegel. Er fasste das Ergebnis des Artikels "Proportion of patients in south London with first-episode psychosis attributable to use of high potency cannabis: a case-control study" im"The Lancet Psychiatry" mit den Worten zusammen: "Menschen, die gelegentlich Cannabis konsumieren, haben laut einer britischen Studie kein erhöhtes Risiko, eine Psychose zu entwickeln. Anders sieht es jedoch bei regelmäßigem Konsum besonders THC-reicher Varianten aus." Leider wird diese Message in den Köpfen hängen bleiben, die Kritik an der Studie findet sich erst im dritten Abschnitt des Artikels. Artikel in anderen Zeitungen erwähnten die eingeschränkte Aussagekraft der Studie leider gar nicht, auch das nicht erhöhte Risiko bei Gelegenheitskonsumenten wird nicht erwähnt.

Wie schon bei einer Studie zu einer IQ Minderung durch jahrelangen Cannabis-Konsum im Jahr 2013 ist das Studiendesign nicht geeinget, um einen ursächlichen Zusammenhang zu belegen. Damals wurde der für den IQ wichtige Faktor "sozioökonomischer Status" nicht beachtet. Die Studienautoren räumen selbst diesen Mangel ein und schränken auch Schlussfolgerungen ihrer Studie mit einem "if a causal role for cannabis is assumed" ein. In unkritischen Zeitungsartikeln wurde daraus ein "Wie die «Mail on Sunday» berichtet, haben Forscher am King's College in London herausgefunden, dass ein Viertel der psychischen Neuerkrankungen im Süden Londons auf den Konsum von starkem Gras zurückzuführen sind." 

Die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin schreibt in ihren IACM-Informationen vom 21. Februar 2015 dazu: Kritiker der Studie weisen jedoch darauf hin, dass nur, weil Patienten, die wegen einer Psychose behandelt werden, wahrscheinlicher Cannabis regelmäßig konsumiert hatten, nicht bedeutet, dass die Droge diese geistige Störung verursacht hat. [...] "Ökologische Studien wie diese sind nur ein sehr geringer Hinweis auf Kausalität – wenn man sich nur die Informationen zum Niveau in der Bevölkerung anschaut wie hier, dann kann man nicht sicher sein, dass die gleichen Leute, die Cannabis konsumieren, die sind, die auch eine Psychose entwickeln", erklärte Suzi Gage, eine Forscherin, zum Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Psychosen an der Universität von Bristol gegenüber der Washington Post.

Kommentare

Muß hier nach langem Zögern mal meinen Senf dazugeben,weil mich dieses Psychose-Gequatsche tierisch ärgert.Was in den Medien und durch "Studien" heute an Müll verbreitet wird grenzt schon an systematische Volksverdummung.Da ich beruflich jeden tag mit Menschen konfrontiert bin,die psychisch erkrankt und/oder eine Suchterkrankung(egal welcher Substanz haben),erlaube ich mir folgende Sätze:
Fast alle Patienten die mit einer akuten Psychose kommen,bei der Cannbisgebrauch im Vorfeld Thema war haben:-sehr früh angefangen zu konsumieren(12,13,14 Jahre)
-dabei fast immer einen Mischkonsum betrieben(meist Amphetamine)seltenst nur Cannabis allein
-eine familiäre Vorbelastung
-andere Faktoren wie z.Bsp eine Minderbegabung oder Intelligenzdefekt

Wenn man keine genetische Disposition für eine Psychose hat,muß man schon einen Mount Everest aus Gras wegrauchen um eine zu bekommen
Hat man eine Veranlagung oder o.g Risikofaktoren,merkt mans früh...meist zwischen 18 und 30.
In meiner langjährigen Tätigkeit ist noch nie ein erwachsener Mensch zu mir gekommen und hat gesagt:"Ich kiffe seit 20 jahren,bitte helft mir"oder ähnliches.
Die schlimmste,zerstörerischste und beim deutschen Michel beliebteste Droge ist eh der Alkohol.Kulturell eingebunden,spottbillig...was will man mehr.?
Diese ganze Debatte um Cannbis in Deutschland ist an Heuchelei nicht mehr zu überbieten,in einem Land der Säufer.....

@planetoftheapes: dem Geschriebenen kann ich aus Gründen der eigenen Betroffenheit (selbst Suchtpotential zu Cannabis mit familiärer Vorbelastung, Kiffen seit 1995, zum Glück KEINE Psychosen) und eigener Recherchen uneingeschränkt zustimmen. Sowohl Psychosen als auch Suchtverhalten sind meiner persönlichen Meinung und Erfahrung nach in geschätzt mindestens 80% aller Fälle auf Traumafolgeschäden zurückzuführen - wer Cannabis suchtmäßig konsumiert, tut das eher aus dem gleichen Grunde, aus dem sich auch Psychosen entwickeln. Dauerkiffen ist daher eher als Symptom zu betrachten, nicht als Ursache.

Nebenbei: da selbst die Polizeigewerkschaft schon argumentiert, daß Cannabis-"Delikte" zum sinnlosen Verschleiß von Personal zu ungunsten echter Strafverfolgung führt, hat sich die Debatte hoffentlich in naher Zukunft erledigt, denn eine Legalisierung ist mittlerweile in Sicht. Was auch allerhöchste Zeit wird. In einem Land der Säufer, wie schon sehr passend kommentiert, in dem Kindesmißhandlung immer noch zum Guten Ton zu gehören scheint...

Danke fürs Feedback
Mit familliärer vorbelastung meinte ich eine vorbelastung bezüglich einer Psychose,nicht zu einer Suchtveranlagung.Aber auch ohne den Konsum von psychoaktiven Substanzen erleiden Kinder von Psychotikern mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls eine Psychose,wenn sie dazu noch THC oder anderes in jungen Jahren konsumieren,triggern sie die Psychose halt schneller raus..Generell kann ich nur folgende These untermauern:Bevor das Gehirn nicht vollständig ausgereift ist(mit 18,19)kann ich von jeglichem Substanzgebrauch(inkl.Alkohol)nur abraten.
Übrigens hatte ich auch schon Menschen vor mir,die nur durch den Konsum von Alkohol eine Psychose erlitten haben...wird aber medial gerne verschwiegen,ebenso wie die heroischen Korsakow-Kampftrinker,die mit 50 durch die Flure eines Wohnheims irren und die Toilette nicht mehr finden..

@planetoftheapes
zum Thema Psychose; kochaktives Hirn, oft in Folge von Unklarheiten, Triggerungen, also äußeren Reizen. Oft bei Aspies, vor allem in jüngeren Jahren, die unter dem neurotypischen Syndrom leiden das sie selber garnicht haben (?)

Psychose als Traumafolge

@planetoftheapes: da ich mich derzeit intensiv mit dem Thema Traumafolgen befasse, bleibe ich bei der Auffassung, daß eine Neigung zur Psychose nicht einfach "genetisch vererbt", sondern (Kontext Bindungstheorie, Psychotraumatologie, Stichwort strukturelle Dissoziation) über die "Erziehung" weitergegeben wird. Gerade im Kontext Dissoziation scheint Cannabis ein gutes Mittel zur Symptomdämpfung zu sein, ist aber freilich kein Heilmittel, da das Grundproblem durch Kiffen nicht gelöst wird. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, daß Cannabis den Zugriff auf abgespaltene Teile erleichtert, was mglw. erklärt, wieso es von außen betrachtet wie ein Psychoseauslöser wahrgenommen werden kann. Ich behaupte aus meinem eigenen (zugegeben beschränkten) Standpunkt heraus: Cannabis löst überhaupt keine Psychosen aus, sondern ist, wie Walter Moers das so schön ausformuliert hat, "ein homöopathisches Mittel, das einer Dämonisierungskampagne zum Opfer gefallen ist".

Gruß

karlson69

Hi,kann dir bedingt Recht geben,Thema Traumata ist schon ein Faktor,allerdings sehe ich schon einen grossen Zusammenhang in der Genetik..wenn ich einen Patienten habe,der Besuch von seiner Mutter bekommt,die auch öfter stationör ist,und dann noch die Oma mitschleppt,die ebenfalls vor 50 Jahren erkrankt ist,kann man das schlecht von der Hand weisen..

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