Drogen- und Suchtbericht 2019: Cannabis wird bei Erwachsenen immer beliebter

  • Veröffentlicht am: 8. November 2019 - 11:03
  • Von: Michael Knodt
Cannabis ist bei Erwachsenen immer beliebter. Bild: @stoner.bazaar

Der diesjährige Drogen- und Suchtbericht, der in dieser Woche von der Drogenbeauftragten vorgestellt wurde, bestätigt die Zahlen des Suchtsurveys, über die der Hanfverband vor wenigen Wochen berichtetet hatte: Während immer mehr Erwachsene zwischen 18 und 59 und Cannabis konsumieren, greifen Jugendliche unter 18 immer seltener zum Joint.

Zwar ist die Zahl der Minderjährigen, die Cannabis im Laufe des letzten Jahres einmal probiert haben, leicht angestiegen. Doch die Zahl der regelmäßigen Konsumenten ist in dieser Altersgruppe seit Jahren stabil niedrig und verzeichnet sogar einen leicht rückläufigen Trend. Die Zahl der Jugendlichen mit einem problematischen Konsummuster lag 2018 bei 1,3% und sank somit im Vergleich zur letzten Erhebung 2016 sogar um 0,2 Prozentpunkte.
Am meisten Cannabis konsumiert die Gruppe der 18-25-jährigen. Hier haben über 40 Prozent schon einmal Cannabis probiert. 22 Prozent haben im Laufe des letzten Jahres mindestens einmal gekifft. Fast zehn Prozent haben im Laufe des letzten Monats mindestens einmal konsumiert, während knapp sechs Prozent angaben, regelmäßig zu konsumieren.

Interessant ist der Anstieg der über 25-jährigen, die Cannabis konsumieren. In der Altersgruppe von 26-59 verzeichnet die Kurve keine Schwankungen, sondern belegt einen stetigen Anstieg seit 1995. Doch auch hier stagniert die Zahl der regelmäßigen Konsumenten bei 1,3%, während die Zahlen der Gelegenheitskonsumenten stark ansteigen. So hatten 2018 31,9% der 25-59 jährigen schon mindestens einmal im Leben Cannabis konsumiert. 8,3 Prozent hatten im Laufe des letzten Jahres mindestens einmal gekifft und 3,4 Prozent hatten im letzten Monat mindestens ein Konsumerlebnis. 

Portugal ist kein Beispiel für eine gute Cannabispolitik

Die neue Drogenbeauftragte scheint verstanden zu haben, dass eine steigende Beliebtheit von Cannabis bei den mündigen Bürgern des Landes nicht dazu führt, dass Jugendliche unter 18 mehr kiffen – im Gegenteil. Es scheint vielmehr so, als ob Jugendliche mit einem wachsenden Grad der Konsum akzeptierenden Aufklärung gegen problematische Konsummuster besser gewappnet sind als mit der utopischen Abstinenzforderung, die bei der aktuellen, staatlichen Cannabispolitik als Ziel gilt.

Doch ob das Beispiel Portugal, das Daniela Ludwig angeführt hat, wirklich das drogenpolitische Ei des Columbus ist, sei dahingestellt. Zwar hat Portugal die Konsumenten aller illegalen Substanzen entkriminalisiert und dadurch besonders bei den Konsumenten harter Drogen viele Fortschritte erzielt. Doch in der Cannabispolitik ist Portugal nicht so weit wie zum Beispiel unser Nachbar Belgien. Portugal hat zwar den Besitz von bis zu 25 Gramm Cannabis entkriminalisiert, doch der Anbau zum Eigenbedarf gilt nach wie vor als Straftat.
Das führt zu wachsenden kriminellen Strukturen auf dem immer noch illegalen Cannabis-Markt. Die Strafen für Kleindealer sind aufgrund der Tolerierung von 25 Gramm sehr gering, andererseits sind Konsumierende bis heute zu 100 % auf Dealer angewiesen. Eine Tolerierung des Konsums, der langfristig keine Regulierung als Zielsetzung hat, führt auch zur Etablierung tolerierter, krimineller Strukturen. So kann eine langfristige Lösung nicht aussehen. Das Verbot vom Anbau einiger Pflanzen zum eigenen Bedarf befeuert diese Schieflage zusätzlich. Anders als zum Beispiel in Tschechien, Spanien oder Belgien, wo auf privatem Grund und Boden eine oder ein paar gesetzlich tolerierte Pflanzen straffrei angebaut werden können.
Das Beispiel Portugal hätte für die CDU/CSU jedoch den Vorteil, dass am deutschen Dogma, den Eigenanbau auf jeden Fall verhindern zu wollen, festgehalten werden könnte. Ein bundesweit einheitliches Ordnungsbußen-Modell für Geringe Mengen, das den Anbau einiger, weniger Pflanzen weiterhin als Straftat definiert, wäre im Rahmen der angekündigten, neuen Cannabispolitik auch in der CDU/CSU Fraktion mehrheitsfähig. Eine Lösung, die langfristig funktioniert und dem Schwarzmarkt wirklich etwas entgegenzusetzen hat, bietet Portugal leider nicht. Schön wäre, wenn sich Frau Ludwig auch einmal die Entkriminalisierungs-Modelle in Tschechien, Spanien, Belgien oder den Niederlanden anschauen würde.

Gibt es auch bei uns schon längst: Eigenbedarf bei harten Drogen

Zudem hat sich Frau Ludwig gegen eine Eigenbedarfsregelung bei so genannten harten Drogen ausgesprochen. Doch Portugal hatte seine Drogenpolitik genau aufgrund der Probleme mit diesen Substanzen 2002 reformiert. Cannabis spielte dabei eine sehr untergeordnete Rolle, weil es, verglichen mit Heroin oder Kokain, wenig gesundheitliche Probleme mit der Substanz gab. Portugal hat Konsumenten nicht entkriminalisiert, um einen neuen Ansatz in der Cannabispoltik zu machen, sondern um die Zahl der Drogentoten zu senken. Das ist dem Land auch geglückt. Doch für einen neuen Ansatz in der Cannabispolitik ist das Land kein gutes Beispiel – auch wenn die aktuelle Regelung konsumentenfreundlicher ist als die hiesige.
Außerdem gibt es in Deutschland schon seit Jahrzehnten die Möglichkeit, den Besitz von Geringen Mengen harter Drogen zum Eigenbedarf nicht mehr zu sanktionieren. Das ist im Rahmen der ganzen Diskussion, die von der Berliner Grünen-Politikerin Pieroth initiiert wurde, ein wenig untergegangen. Denn §29a des Betäubungsmittelgesetzes sieht Verfahrenseinstellungen nicht nur bei Cannabis vor, sondern auch bei anderen Substanzen. So gibt es bereits Bundesländer, in denen ein einmal eingeleitetes Strafverfahren eingestellt werden kann. In Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein besteht schon lange die Möglichkeit, das Verfahren beim Besitz von 1 g Heroin und 1 g Kokain (Schleswig-Holstein 3 g) einzustellen. Bei Amphetamin sehen Bremen bei 1,6 g, Hessen bei 2,5 g und Schleswig-Holstein bei 3 g eine Einstellungsmöglichkeit vor. Bei Ecstasy wird ein Verfahren in Bremen normalerweise bei 3 Konsumeinheiten, in Hamburg bei weniger als 10 und Hessen bei weniger als 20 eingestellt. Jetzt kommt es darauf an, ob die Drogenbeauftragte diese bereits bestehenden Regelungen zum Eigenbedarf harter Drogen grundsätzlich infrage stellt und versuchen wird, diese rückgängig machen zu lassen. Oder ob sie sich einmal mit deren langfristiger Bilanz auseinandersetzt und den Erfolg dieser Regelung ganz einfach an der Zahl der Drogentoten misst. Denn wer Portugal als Beispiel anführt, kann dessen grundlegenden, drogenpolitischen Pfeiler der Geringen Menge für harte Drogen nicht im gleichen Atemzug infrage stellen.

Sonderthemen: 

Kommentare

Sehr geehrter DHV,

ich habe Probleme mit folgendem Textpassage: „[...] greifen Jugendliche unter 18 immer seltener zum Joint.“
Ich lese den Ausdruck „jemand greift zum Joint“ recht häufig in Reportagen über Drogen und Cannabis und ich finde ihn sehr unglücklich gewählt, denn:
Erstens: Das Wort „greifen“ bzw. „Griff“ ist eher negativ belegt. Nach etwas greifen ist grundsätzlich aggressiv, aber auch gierig. Das kann man gut verdeutlichen mit den sinnverwandten Worten „Angriff“, „Übergriff“, aber auch mit dem Ausdruck „Griff ins Klo“. Journalisten verwenden solche Begriffe bewusst, um eine gewisse Stimmung zu erzeugen. Im Zusammenhang mit dem Wort „Joint“ stellt man sich einen Abhängigen vor, der gierig nach seiner gefährlichen Droge greift. Ein positiveres Worte wäre „nehmen“.
Zweitens: Der Joint ist längst nicht die einzige Form des Cannabiskonsums, insofern stimmt der Ausdruck so auch nicht, da man sonst davon ausgehen müsste, dass alle Cannabiskonsumenten Joints rauchen würden. Es gibt noch unter anderem Bongs, Pfeifen, Vaporizer, oder man bäckt sich etwas Leckeres.
Joints sind wahrscheinlich sogar und ungesündeste Konsumform aufgrund des oft (wenn auch nicht immer) mitgerauchten Tabaks.
Drittens: Der Ausdruck ist auch vom logischen Vorgang her in den meisten Fällen falsch. Man „greift“ selten zum schon fertig gedrehten Joint, sondern man greift zu den einzelnen Komponenten und baut sich einen Joint daraus. Und zu dem Zeitpunkt, wenn man anfängt ihn zu rauchen, hält man ihn schon in der Hand (und muss nicht mehr danach greifen).
Anders ist es natürlich wenn man ihn schon zuvor vorbereitet hat, oder man kauft ihn fertig, oder man teilt ihn mit anderen.

Die Phrase „jemand greift zum Joint“ wird wahrscheinlich deshalb so häufig verwendet, weil der Joint den meisten Leuten ein Begriff ist, auch wenn sie dem Thema sonst fern sind. Man könnte ja mal versuchen, den Horizont dieser Menschen zu erweitern, indem man nicht mehr zu solch abgedroschenen Ausdrücken „greift“.

Na, wenn's weiter nichts ist - man kann ja auch nach den Sternen greifen (z.B. in Form einer vollständigen Legalisierung), und schon ist "greifen" kein negativ besetztes Verb mehr. Ist halt eine Redensart, und genauso muss man als Alkoholkonsument nicht unbedingt zur Flasche greifen, etwa wenn man sich in einer Cocktailbar betrinkt, und dann greift nur der Barkeeper zur Flasche, wie es sein Beruf verlangt. Jaja, die Linguistik, gell?

Lieber Micha Knoth, vielen Dank für den schönen Artikel und die wertvollen Hintergrundinfos, das mit den geringen Mengen "harter" Drogen und des Anbauverbots in Portugal wusste ich beispielsweise noch nicht.

Grüßle und gechillte Woche an alle

@ Jürsche,
stimmt, "nach den Sternen greifen" ist tatsächlich eher positiv besetzt, trotzdem schwingt eine gewisse Aggessiität und Gier mit, mit derm man versucht, sich das unmögliche anzueignen.
Was man auch häufig hört/liest ist "zur Waffe greifen". Dieselbe Assoziation wie beim Joint; man versucht seine Probleme ultimativ mit der schlechtmöglichsten Alternative zu lösen.
Man "greift" ja nicht nur nach der Waffe / Joint / Flasche (gutes Beispiel übrigens), es steckt ja eine (unlautere) Absicht dahinter. Wie gesagt, Journalisten verwenden diese Ausdrucksweisen, um genau das rüberzubringen. Und wenn man versucht, Cannabis nicht so nagativ dastehen zu lassen, sollte man das halt vermeiden. Meiner Meinung nach. Klar ist nur eine linguistische Spielerei, aber so beeinflusst man die Meinung von Leuten.

Danke für diesen Kommentar!! Schreibst mir aus der Seele und hast mir somit erspart, den Kommentar selbst zu verfassen ;)

Mir auch :) Hätte es nicht besser schreiben können!

Wir brauchen im erste Step ein Cannabiskontrollgesetz. Eigentlich hilft nur ein Drogenkontrollgesetz welches auch für Alkohol und Nikotin gilt. Gerade Heroin muss dem Schwarzmarkt entzogen werden. Es geht hier um die Rettung von Menschenleben. Alkohol als harte Droge sollte wie in Kannada auch nur in lizensierten Fachgeschäften verkauft werden. Die aktuelle Drogenpolitik ist gescheitert, verlogen und muss geändert werden. Mit einer Entkriminalisierung trocknet man den Schwarzmarkt nicht aus, erzielt weder Jugend noch Gesundheitsschutz. Kann nicht sein das 2019 Menschen an verunreinigten Drogen sterben. Es reicht !!!! Wer gegen das Cannabiskontrollgesetz der Grünen stimmt ist unwählbar.

Neuen Kommentar schreiben