Colorado zieht Bilanz- Zahlen und Fakten nach zwei Jahren Re-Legalisierung

  • Veröffentlicht am: 12. Dezember 2014 - 13:07
  • Von: Michael Knodt

Fast zwei Jahre, nachdem Colorado Cannabis re-legalisiert hat und ein knappes Jahr nach Eröffnung der ersten Hanf-Fachgeschäfte ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Die Marijuana Industry Group hat eine sehr interessante Artikelsammlung veröffentlicht, die die Entwicklung in Colorado anhand zahlreicher Medienberichte eindrucksvoll dokumentiert. Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass die neu geschaffene Regulierung viel besser als das vorher geltende Verbot funktioniert. Auch wenn es sicher noch Kinderkrankheiten gibt, an denen es zu arbeiten gilt. Die wohl wichtigsten und meist diskutierten Punkte sind nicht nur in Colorado Jugendschutz und Prävention. Hier ist Colorado auf dem besten Wege, denn der Konsum von jugendlichen Cannabiskonsumeten nimmt seit 2009 stetig ab. Die Prävalenz bei High School Schülern sank in dieser Zeit von 24 auf aktuelle 20 Prozent. Der legale Verkauf an über 21-Jährige unterstützt diese Entwicklung, denn durch die zweckgebundenen Steuereinnahmen wurden bereits Präventionsprogramme finanziert und sogar direkt ins Schulsystem investiert. Auch eine Rehabilitations-Einrichtung der Stadt Denver soll eine 3,2 Millionen Dollar Spritze erhalten, die direkt aus den Einnahmen des Hanfblüten-Verkaufs stammen.

Die Wirtschaft des Bundesstaates hat direkt und indirekt profitiert. Zahlreiche Cannabis-Touristen bescherten der Tourismus-Branche das beste Jahr seit ihrem Bestehen, besonders die Ski-Ressorts konnten einen regelrechten Boom verzeichnen. Die Arbeitslosenquote ist mit 4,3 Prozent auf dem tiefsten Stand seit sechs Jahren und Colorado ist der Staat mit den besten Wirtschaftsprognosen in den USA.
Anfängliche Befürchtungen, die Regulierung ginge mit einer steigenden Zahl an Verkehrsunfällen einher, haben sich nicht bestätigt. Auch hier scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein, denn seit der Gesetzesänderung verzeichnet Colorado nicht mehr DUI (Driving under influence) Fahrten oder Unfälle als zuvor. Die Schnelltests, die auch in Colorado eingesetzt werden, sollen hingegen keine positive Auswirkung auf die Verkehrssicherheit haben. Eine andere Studie beweist sogar, dass die Zahl schwerer Verkehrsunfälle in Staaten mit „Medical Cannabis“ von 1999-2009 im Vergleich zur vorherigen Dekade um neun Prozent gesunken ist. Die gleiche Studie bestätigt nicht nur den positiven Effekt der Re-Legalisierung auf die Verkehrssicherheit, sondern auch auf die Entwicklung von Gewaltverbrechen. Denn auch deren Rate ist entgegen allen Befürchtungen in Denver, dem Zentrum der Cannabis-Industrie, sogar gesunken. Eine weitere, neue Studie aus den USA hat zudem festgestellt, dass häusliche Gewalt bei Paaren, die Cannabis konsumieren, seltener vorkommt als im allgemeinen Durchschnitt.

Die Steuereinnahmen sind nicht nur in Colorado, sondern auch in Washington ein Segen für den Staatshaushalt. Im Oktober hat Colorado, ähnlich wie in den Monaten zuvor, fast acht Millionen an Cannabis-Steuern eingenommen. Nimmt man diese Zahl als Grundlage, so kommt der fünf Millionen Einwohner Staat in diesem Jahr auf knapp 100 Millionen Dollar Steuereinnahmen. Übertragen auf Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern wären das 1,3 Milliarden Euro pro Jahr. Dabei muss berücksichtigt werden, dass das Verkaufssystem in Colorado lange noch nicht flächendeckend funktioniert und längst nicht alle erwachsenen Einwohner die Möglichkeit haben, mal eben schnell Gras zu kaufen. Außerdem ist der Anteil der Konsumenten in Colorado sowie in der gesamten USA höher als in Europa. Trotzdem könnte auch bei uns ein stattliches Sümmchen zusammenkommen. Funktioniert das System erst einmal in ganz Colorado, werden die Steuereinnahmen noch einmal steigen.
Zwar scheinen sich die mexikanischen Kartelle aufgrund der Liberalisierung in den ganzen USA immer mehr aus dem Grasgeschäft zurückzuziehen, allerdings existiert auch in Colorado noch ein florierender Schwarzmarkt. Das hat vor allen Dingen zwei Gründe: Aufgrund der Besteuerung ist „Recreational Cannabis“  circa um ein Viertel teurer als Schwarzmarkt-Gras, die illegale Unze kostet 180, die legale im Schnitt 240 Dollar. Zweitens können Bewohner ländlicher Gegenden oft gar nicht legal einkaufen, ohne eine halbe Tagesreise zu unternehmen. In Denver und den Städten hatten sich Konsumenten auch auf dem Schwarzmarkt ähnliche oder gar niedrigere Preise als in den Hanfapotheken gewöhnt. Die Hanf-Fachgeschäfte klagen über Einheimische, die sich nicht an das neue Preisniveau gewöhnen wollen. Es gibt sogar Shopbetreiber, die ein Menu für Touristen und eins für „Locals“ anbieten. Geld ist wohl auch der Grund, weshalb die Zahl der Cannabispatienten seit Anfang des Jahres um fast 20 Prozent hoch geschnellt ist, obwohl Cannabis als Medizin schon lange legal ist. Es kostet einfach weniger. Experten gehen jedoch davon aus, dass die Produktion von „Recreational Cannabis“ durch größere Produktionsanlagen und Automatisierung in naher Zukunft weitaus günstiger wird und so den verbleibenden Schwarzmarkt verdrängen kann. Ein weiteres, noch endgültig zu lösendes Problem, sind die Dosierungen, Verpackungen und Sicherheitshinweise auf den so genannten „Edibles“, also den mit Cannabis versetzten Riegeln, Lollis oder Drinks. Nachdem es hier aufgrund von Dosierungsproblemen hin und wieder zu Zwischenfällen gekommen war, gibt es dazu derzeit lediglich eine vorläufige Verordnung aus dem Oktober 2014. Die Vorschläge reichen von Selbst-Regulierung der Edible-Industrie bis hin zum staatlichen Total-Verbot. Wahrscheinlich wird man eine Höchstgrenze pro Verzehreinheit einführen und die Verpackung noch sicherer gestalten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Regulierung in Colorado in vielerlei Hinsicht geglückt ist. Der US-Bundesstaat floriert wirtschaftlich und ist auch nicht auf dem Wege, zum Drogensumpf oder Rückzugsgebiet der Mafia zu werden. An einigen Punkten muss noch nachgebessert werden, doch insgesamt hat der Staat in Colorado, insbesondere die neu geschaffene Marijuana Enforcement Division (MED), echte Pionierarbeit für die Geschichtsbücher geleistet.

Kommentare

Ich finde $8.57 für ein Gramm gar nicht so schlecht. Umgerechnet wären das 6,80 €. War ja wohlgemerkt im Schnitt, also wären bessere Sorte natürlich teurer, aber bei dem Durchschnittlichen Preis würde ich nicht meckern.

Die regen sich über nen 6,8er Kurs auf und wir müssen uns hier teils mit nem 12er abquälen......

Hm, sinkende Arbeitslosenquote, lässt sich zwar schlecht verkaufen, aber es ist doch mal ein sehr positiver Seiteneffekt. Wenn man bedenkt das kiffen ja schlapp macht. Wenn man den Genuss aber auf den Feierabend legt und hier auch etwas die Dosierung im Auge behält, ist arbeiten genauso möglich wie ohne, besser auf jeden Fall als mit Alkohol. Hier ist es ja nach kurzer Zeit so, das man bereits Morgends einen Schnapps braucht um mit dem Zittern auf zu hören. Bei Cannabis zittert niemand.

Eine aktuelle grafische Darstellung dieser Bilanz wäre super.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist, dass sich regelmäßiger THC-Konsum sehr viel besser mit produktiver Arbeit vereinbaren lässt als Alkoholkonsum. Mal ehrlich, wen hat ein Kater noch nie eingeschränkt bei Arbeit oder Sport? Alles über gemäßigter Einnahme von Alkohol hat früher oder später deutliche Konsequenzen, die volkswirtschaftlichen Schäden dürften gewaltig sein. Bei THC muss man schon Mengen einnehmen, die einen Alkoholiker binnen Monaten ins Grab befördern würden, um überhaupt deutliche längerfristige Folgen zu spüren. Es ist einfach kein Vergleich. Alk sorgt für üble Nachwirkungen, schlechtere Gesamtverfassung .. THC hört irgendwann auf zu wirken und das war's. Die meisten Extremkiffer würden als Alkis längst nicht mehr leben. Das Verbot treibt die Leute zum legalen, aber gefährlichen Ethanol. Das kann man durchaus als Verbrechen ansehen.

Das liest sich wie ein verfrühtes Weihnachtsmärchen. Es ist das eingetreten, was die Befürworter einer Legalisierung schon seit Jahren predigen. Nun kann man nur hoffen, dass unsere Politiker das ebenfalls zur Kenntnis nehmen und die richtigen Konsequenzen ziehen, aber das wird wohl zunächst ein frommer Wunsch bleiben.....

Es geht nicht darum, daß "die Politiker" das zur Kenntnis nehmen. Die wissen das schon. Es geht darum, daß eine Bevölkerungsmehrheit das zur Kenntnis nimmt.

Hoffentlich ist es bald endlich so weit und die Leute sehen ein das Cannabis nicht
unter die Kategorie Suchtgefährdend und Einstiegsdroge fallen sollte.
Die Usa hat schon wirklich einen super Vortschritt gemacht, respekt. ;)

Ich finde eine bundesweite Abstimmung sollte auch hier in Deutschland
stattfinden um den vielen Menschen die für oder gegen die Legalisierung sind
endlich Klarheit zu verschaffen !

Wir haben schließlich auch eine Meinung und hätten dieses Thema schon
seit sehr langer Zeit längst durch haben können, wovon ich fest überzeugt bin.

Wer dann nicht rauchen will, soll es sein lassen.

Ich gebe Herr Maier recht. Die jahrzehntelang eingbläute "Moral" von den schlimmen Drogen macht dem richtigen und offiziellen Umgang auch in der Öffentlichkeit große Schwierigkeiten. Wenn man sich allabendlich einen reinlötet ist es nicht annähernd so schlimm, wie der Konsum von Canabis. Solange diese dämliche Doppelmoral kursiert, wagt sich auser den Grünen niemand an das Thema heran. Man weis ja - der Screening auf den Toiletten des Bundestages bringt so manche "unglaubliche" Spuren zu Tage....

Sehr schöner Artikel. Die haben alles richtig gemacht. Jetzt ist auch bei uns die richtige Zeit das Thema warm zu halten!

"Propaganda" und "Soziale Netzwerke" heißen die Schlagwörter!!

Jeder ist in der Pflicht!

Teilen und - auf welche Art auch immer - verbreiten! Auch im privaten Umfeld!
Wer jetzt noch "Angst" davor hat sich zu offenbaren hemmt nur weiterhin die Legalisierung!

So far... Get up, stand up!

Könnt ihr noch Ergänzen:
Sind die Konsumentenzahlen gestiegen?
Gibt es mehr Süchtige?
Was sagen die Suchtverbände und Kliniken zu 2 Jahre Legalisierung?

Den Schwarzmarkt hat es ja anscheinend nicht bekämpft und es hat zu Kiffer Tourismus geführt.

Ach Malte,
Du hast es leider nicht verstanden! Nicht die Legalisierung in Colorado führt zum "Drogen"-Tourismus, nein es ist vielmehr das Verbot in den anderen Staaten!
Denk doch mal nach!

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