Anhörung zum Cannabis als Medizin Gesetz: Stellungnahmen von DHV-Mitarbeitern

  • Veröffentlicht am: 21. September 2016 - 11:29
  • Von: Florian Rister

Am 21.09. findet im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestag eine Anhörung zum geplanten Gesetz für Cannabis als Medizin statt. DHV-Geschäftsführer Georg Wurth ist als Sachverständiger für den DHV vor Ort, DHV-Mitarbeiter Maximilian Plenert ist zusätzlich als Einzelsachverständiger geladen. Die Debatte soll um 14:00 Uhr beginnen, ein Video-Livestream ist geplant.

Neben dem Gesetzentwurf der Regierung wird auch ein Antrag der Linken Teil der Diskussion sein.

Hier die Stellungnahme von Georg Wurth, Geschäftsführer des Deutschen Hanfverbands:

Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung zum BtMG am 21. September 2016 -
Gesetzentwurf Cannabis als Medizin und Antrag der Fraktion DIE LINKE
-  BT-Drucksache 18/8965 bzw. 18/6361

Vorbemerkung:

Der Deutsche Hanfverband beschäftigt sich mit Hanf als Genussmittel, Biorohstoff und Medizin. Cannabis-Patienten mit einer Ausnahmegenehmigung des BfArM zählen ebenso zu den Unterstützern des DHV wie Angehörige von Erkrankten, die Cannabis als Medizin nutzen. Außerdem gehen zum Thema Cannabis-Medizin praktisch täglich Anfragen und Fallberichte beim DHV ein. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Entwicklung in Politik und Forschung zu Cannabis als Medizin weltweit.

Sortenvielfalt

Ein Aspekt, der in der Debatte um Cannabis als Medizin zu wenig Beachtung findet, ist die Bedeutung der Sortenvielfalt. Nachdem THC und später CBD als medizinisch wirksame Cannabinoide mittlerweile anerkannt sind, zeigen Berichte von Patienten und Erfahrungen aus den USA, Kanada, Israel usw., dass die vielen verschiedenen Sorten und Züchtungen von Cannabis ganz unterschiedliche medizinische Wirkungen haben und unterschiedliche Nebenwirkungen mit sich bringen.
Patienten berichten sehr häufig, dass es ganz bestimmte Sorten sind, die ihnen besonders gut helfen, ohne zu große Nebenwirkungen mit sich zu bringen. Es geht nicht nur um THC und CBD, sondern um die ganze Vielfalt der Cannabinoide und Terpene der Pflanze und ihre jeweilige Kombination in den Sorten.

Dies gilt es zum Wohle der Patienten zu beachten, sowohl was die zukünftig in Apotheken erhältlichen Sorten angeht als auch den Eigenanbau.

Eigenanbau

Es ist eines der erklärten Ziele des Gesetzentwurfes, den Eigenanbau durch Patienten zu verhindern. Hier liegt der wichtigste Kritikpunkt des DHV. Aus unserer Sicht spricht nichts dagegen, dass Patienten, die dies wollen und können, selbst Hanf anbauen, um sich mit Cannabis-

Medizin zu versorgen. Das ermöglicht nicht nur jedem Patienten, die für ihn individuell am besten geeignete Sorte herauszufinden und diese dann selbst zu produzieren, sondern es entlastet auch die Beitragszahler der Krankenkassen. Es ist mit erheblichen Kosten durch die Verschreibung von Cannabis zu rechnen, die mit jedem Patienten, der sich selbst versorgt, abgemildert werden können.

Erfahrungen aus dem Ausland (USA, Kanada..) zeigen, dass der Eigenanbau durch Patienten sehr wohl möglich ist, ohne dass die Befürchtungen wahr werden, die die Bedenkenträger in Deutschland vortragen. Uns sind keine Berichte bekannt, dass Selbstversorger signifikante Probleme mit Über- oder Unterdosierungen oder gefährlichen Qualitätsproblemen haben.
Auch das System der „Caregiver“, also Personen, die für einen oder mehrere Patienten kostengünstig anbauen, ist bedenkenswert - ebenso wie Anbaukooperativen von Patienten.

Erstattung durch die Krankenkassen

In der jetzigen Form wird das Gesetz den Eigenanbau durch Patienten kaum verhindern können, denn es eröffnet nur einem Teil der Patienten die Möglichkeit einer Erstattung durch die Krankenkassen.

Ein Faktor dabei ist die Voraussetzung einer „schwerwiegenden“ Erkrankung. Cannabis ist bei einer Fülle von Krankheiten hilfreich, bei denen die Frage, ob diese schwerwiegend sind, in jedem Einzelfall zu Auseinandersetzungen bis hin zu Gerichtsverfahren führen wird – letztlich vermutlich auch zugunsten des Eigenanbaus, da Patienten erneut in eine Notlage gebracht werden.

Falls die Verschreibung von Cannabis nicht als Praxisbesonderheit gewertet wird, wird dazu führen, dass viele Ärzte Cannabis letztlich nicht auf Kassenrezept verschreiben werden, um ihr Praxisbudget zu schonen. Wenn Patienten dann im weiteren Umkreis nur Ärzte finden, die Cannabis auf Privatrezept verschreiben, entsteht erneut eine Notlage mit entsprechenden Gerichtsurteilen zugunsten des Eigenanbaus.

„Austherapiert“

Was sowohl Patienten immer wieder berichten als auch bei Studien immer wieder festgestellt wird: Cannabis ist ein vergleichsweise nebenwirkungsarmes Medikament. Es gibt zwar auch bei Cannabis Nebenwirkungen, über die die Patienten klagen bzw. wegen denen sie die Therapie abbrechen, aber die Mehrheit scheint Cannabis doch besser zu vertragen als andere Medikamente. Vor diesem Hintergrund erscheint es unsinnig und patientenfeindlich,  dass für die Erstattung durch die Krankenkassen erst alle möglichen Standardmedikamente durchgetestet werden müssen. Ein Schmerzpatient muss Morphin/Opiate nehmen, bevor er Cannabis bekommt. Ein ADHS-Patient muss Amphetamine (Ritalin) nehmen, bevor er Cannabis bekommt. Das erscheint sinnlos und willkürlich. Es sollte Therapiefreiheit herrschen, Arzt und Patient sollten gemeinsam entscheiden, welches im vorliegenden Fall das beste Medikament ist.

Führerschein

Obwohl Cannabis heute schon eine legale Therapieoption ist und das BfArM sich eindeutig schriftlich dazu geäußert hat, dass Cannabis (auch Blüten) im Straßenverkehr als normales Medikament zu behandeln ist, gibt es noch keine bundesweit gültige und eindeutige Regelung. Wie mit Cannabis-Patienten umgegangen wird, die am Straßenverkehr teilnehmen, ist regional immer noch äußerst unterschiedlich und es herrscht viel Verunsicherung, auch bei Polizei und Behörden. Hier muss eine klare und patientenfreundliche Regelung her.

 

Forschung

Ein wenig Begleitforschung mit merkwürdigem Studiendesign wird nicht ausreichen, um in einigen Jahren das therapeutische Potenzial von Cannabis besser einschätzen zu können. Die übliche Pharmaforschung durch Pharmaunternehmen wird auch weiterhin nicht stattfinden, da diese die Kosten für die Studien wegen mangelnder Patentierbarkeit von Hanfpflanzen nicht werden einpreisen können. Öffentlich finanzierte Forschung zu Cannabis als Medizin sollte deshalb deutlich aufgewertet werden.

Wirtschaftsfaktor

Medizinisches Cannabis entwickelt sich in den USA gerade zu einem erheblichen Wirtschaftsfaktor. Deutschland hat diese Entwicklung bisher verschlafen. Es wird höchste Zeit, Unternehmen auch in Deutschland die Chance zu geben, diesen wachsenden Markt mit zu gestalten. Amerikanische und kanadische Unternehmen haben mittlerweile einen erheblichen Vorsprung in Sachen Know-How und Kapital. Diesen Vorsprung gilt es nun aufzuholen, um nicht in einem weiteren Zukunftsmarkt dauerhaft von Importen abhängig zu sein. Viele Unternehmen und Investoren stehen bereit, um in Deutschland Arbeitsplätze zu schaffen und Steuern zu zahlen.

Zusammenfassung und Fazit

Grundsätzlich begrüßt der Deutsche Hanfverband das Vorhaben, Cannabis zu einem einfacher zugänglichen Medikament zu machen und die Krankenkassen zur Übernahme der Kosten zu verpflichten. Im Detail sind allerdings wenig patientenfreundliche Regelungen vorgesehen.

Die Kostenerstattung durch die Krankenkassen sollten wesentlich niedrigschwelliger reguliert werden:
- nicht nur für schwerwiegende Erkrankungen
- nicht nur für „austherapierte“ Patienten
- nicht im Rahmen des Praxisbudgets der Ärzte

Der Eigenanbau durch Patienten sollte zugelassen werden, um die Kosten zu senken und die Sortenvielfalt zu gewährleisten.

Die führerscheinrechtlichen Fragen sollten im Sinne der Patienten und der Verkehrssicherheit eindeutig geregelt werden.

Staatlich finanzierte Forschung zu Cannabis als Medizin sollte ausgebaut werden.

Die Stellungnahme ist auch als PDF auf der Seite des Bundestags herunterzuladen.

DHV-Mitarbeiter Maximilian Plenert wurde als Einzelsachverständiger geladen, seine Stellungnahme ist ebenfalls auf der Seite des Deutschen Bundestags sowie in seinem Weblog zu finden.

Kommentare

Hi Georg,
ich fand die Veranstaltung recht informativ und bis auf die Vertreter der KK und des mediz. Dienstes auch durchaus ausgewogen. Wie war denn Dein Eindruck und hatten Du oder Maximilian auch die Gelegenheit, sich am Rande der Veranstaltung noch tiefergehend mit anderen Teilnehmern der Fragerunde zu unterhalten?
Ciao und schöne Grüße,
Alex

Mahlzeit,

live stream ist ja leider nicht mehr, gibt`s das Video irgendwo im Netz?

Alex

Ist meiner Meinung nach gut gelaufen nur MDK & Krankenkassen Nerven extrem.

Auch das Gelaber das nicht jeder Arzt Cannabis verschreiben können soll, finde ich eine Frechheit. Wenn man schon Arzt ist und jede Art von Tablette verschreiben darf, warum dann nicht Cannabis?
Unsinnig ist das dann nach deren Vorstellung nur Schmerzmediziner Cannabis verschreiben könnten, was ist dann mit den Menschen mit ADHS & Hyperhidrose? Ohne Schmerzen kein Weed?!?!? Wäre ja ein Rückschritt.
Im großen und ganzen war es aber ganz gut, meine Hochachtung an Dr. Grothenhermen das er diese Strapazen auf sich nimmt.

Meine Hochachtung habt ihr auch . Wunderbar wie sich ein Weg zur Medizin entwickelt. Irgendwann Knicken sie alle ein .Weiter so !!!

Ich hoffe auf die nächste Bundestagswahl und darauf dass es eine Links Grüne Regierung wird, dann brauchen wir diese Kacke nicht mehr, mit einer öffnung zur kontrollierten Abgabe an JEDEN Erwachsenen zu Genuss und was weiß ich noch alles. Da dürfte dann die Medizinische Komponente definitiv kein Problem mehr darstellen, da sinkt der Preis und steigt die Vielfallt. Aber so wie ich den Deutschen Michel kenne, wird lieber die wahl nach Angst und Neid endschieden. :( Aber die Hoffung stirbt zu erst.

Es ist höchste zeit, dass mal eine andere regierung an die macht kommt.
eine regierung, die dem neuen zeitgeist rechnung trägt.
diese heuchler, die seit jahrzehnten das eigene volk belügen,
die es zulassen, dass wenige immer reicher und die restlichen immer ärmer werden.
erlauben sich, gesetze zu machen, die die freiheit knebeln, die gesundheit der bürger zu zerstören, durch ihr handeln oder nicht handeln die ängste der menschen zu schüren und die natur zu ruinieren – und behaupten dann auch noch, dass es zum wohle des volkes geschieht.

Da braucht man sich nicht zu wundern, dass so viele leute unzufrieden oder unglücklich sind.
ruckzuck schießen dann parteien wie die afd gleich giftigen knollenblätterpilzen aus dem boden, weil es diese regierung versäumt hat, die zeichen der zeit richtig zu deuten. aber das scheint denen am arsch vorbeizugehen. im gegenteil, da wird sich gegenseitig grinsend auf die schulter geklopft, während ringsum die welt in chaos versinkt. und die medien schleimen eifrig mit.

Stattdessen wird weiterhin eine uralte heilpflanze verboten, über die sie genaugenommen eigentlich so gut wie nichts wissen. da wird jahrelang scheinheilig debattiert, über wirkung und verträglichkeit, über darreichungsform und dosis diskutiert. das zieht sich und zieht sich – man hat das gefühl, da wird ein schritt vor und dann wieder zwei schritte zurück gemacht.
fragt doch mal die menschen, die sich damit auskennen. nicht diese sogenannten experten, die das
naturgeschenk cannabis auch nur vom hörensagen oder bestenfalls aus dem labor kennen.
fragt die menschen, die seit 10, 20, 30 oder 40 jahren cannabis zu sich nehmen, ob aus medizinischen gründen oder einfach aus spaß an der freud. fragt sie nach anwendungsweise,
wirkung, dosis, nebenwirkungen etc.
das dilemma ist natürlich, das cannabis nach wie vor verboten ist. und nur wenige sind dazu bereit, offen über ihre erfahrungen zu reden. ist ja auch irgendwie verständlich, denn wer hat schon lust, von einem blindgehorsamen polizeikommando die tür eingetreten und die wohnung auf den kopf gestellt zu bekommen, oder gezwungen zu werden, sich nackt auszuziehen, um in den arsch geguckt zu kriegen. als folge die wohnung und job verlieren, oder eingesperrt werden.
aber das hat man davon, wenn man als staat harmlose mitbürger verfolgt, anstatt sich um die wirklichen verbrecher zu kümmern, die dem land und bewohnern wirklich schaden. dann steht man da wie der sprichwörtliche ochse vorm berg.

Und dann diese bodenlose frechheit, den kranken, die sich monate- oder jahrelang unter schweiß und tränen um eine sondererlaubnis bemüht und gebettelt haben, den stinkefinger in form eines völlig überzogenen grammpreises von 15,-€ aufwärts zu zeigen. wer ist denn hier der dealer?
in uruguay bekommt man das gramm für 50 cents. wer ist hier kriminell?

Man muss sich fragen, ob diejenigen, die so etwas zulassen, bzw. in die wege leiten, ein gewissen haben. man muss sich auch klarmachen, dass während dieser zeitverzögerung millionen von kranken menschen in deutschland furchtbare qualen leiden oder an ihren krankheiten elend verrecken.
etliche von diesen armen menschen könnten durch cannabis heilung oder wenigstens linderung erfahren. wer da wegsieht, ist in meinen augen ein hirnrissiger sadist. vielleicht sollte derjenige mal einen joint rauchen oder einen würzigen cannabistee trinken. soll so manchem geholfen haben.

Super Kommentar, genau getroffen, da gibt es nichts hinzuzufügen...

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