Cannabis Social Clubs in Spanien- Ein Modell für uns? Teil I

  • Veröffentlicht am: 27. Mai 2014 - 10:45
  • Von: Michael Knodt

 

Der Abgaberaum

 

Seit sich das Cannabis Social Club Modell in Spanien in immer mehr Landesteilen etabliert, wird auch der Ruf nach einem ähnlichen Regulierungsmodell für Deutschland lauter. Berichte über das Innenleben solcher Clubs sind in deutschsprachigen Medien noch äußert rar, obwohl das Beispiel aus Spanien gerne von der Presse zitiert wird, wenn es um die deutsche Version des Hanf-Anbauvereins geht. Die beste Möglichkeit herauszufinden, wie Realität und  Alltag solcher Vereine aussehen, ist selbst dort hin zu fahren. Ich bin im Laufe der vergangenen zwei Jahre in zahlreichen Clubs zu Gast gewesen und betrachte die Entwicklung  dort weiterhin mit wachsendem Interesse, auch wenn parallel zur Anzahl der Vereine auch die Probleme zunehmen.

 

Ganjazz Art Club: Pioniere aus San Sebastian

Der erste Besuch sollte einem der ältesten Clubs des Landes, dem Ganjazz Art Club in San Sebastian gelten. Natürlich muss man den Besuch als Nicht-Mitglied vorher anmelden, denn schon der Zutritt zu den Räumlichkeiten erfordert eigentlich eine Vereinsmitgliedschaft. Wer sich jedoch vorher anmeldet, kann sich die Clubräume gerne anschauen, natürlich ohne Hanfblüten oder andere Hanfderivate zu erhalten.  Ilker Val, der Vorsitzende von Ganjazz, führt mich nach meiner Ankunft zuerst einmal durch sein "Vereinsheim", das, von außen nicht als Cannabis Social Club (CSC) zu erkennen, zur Zeit meines Besuchs noch in einem Wohnkomplex von San Sebastians Innenstadt lag. Der Club besteht aus drei Räumen und einem Büro, von denen der erste ausschließlich Patienten dient, die dort in Ruhe ihre Medizin einnehmen oder sich über Wirkungsspektren, THC-Gehalte oder Darreichungsformen beraten lassen können. Der zentrale Raum dient Mitgliedern oder Gästen zur Information über den Club und Cannabis im Allgemeinen. Hier findet man Informationen zur Dachorganisation der baskischen  CSCs, EUSFAC,  sowie der nationalen CSC-Vertretung FAC. Auch die Aufnahme von Neumitgliedern wird hier vollzogen, deren Details Ilker nach dem Rundgang ausführlich erklären wird. Denn auch im Baskenland, wo die Bewegung ihren Ursprung hat, sind CSCs lediglich geduldet, das aber mit Segen zahlreicher Richter. In Spanien ist der Besitz und Konsum in Privaträumen gesetzlich toleriert, wobei das Gesetz sehr viel Spielraum für Interpretationen lässt, eine Geringe Menge Gras, Hasch oder Pflanzen gibt es nicht, Verkauf sowie Konsum und Besitz in der Öffentlichkeit sind allerdings verboten. Genau aus diesem Grunde gibt es auch immer wieder Polizeieinsätze gegen Cannabis Social Clubs. In den Räumlichkeiten des Clubs herrscht Rauchverbot, Patienten und Mitgliedern können ihr Gras jedoch vaporisieren. Der letzte Raum unserer Runde ist der Abgaberaum, der eher an eine Apotheke als an einen niederländischen Coffeeshop erinnert. Hier gibt es neben fast zehn Sorten Cannabis auch medizinische Extrakte auf Olivenölbasis, das berühmte Rick-Simpson-Öl, eine Sorte "hausgemachtes" Haschisch, Graskuchen und Cannabis basierte Tinkturen zum Einnehmen oder zum Einreiben. Als Gast komme ich leider nicht in den Genuss, das Sortiment probieren zu dürfen, doch mich interessieren auch die Umstände vielmehr, unten denen das Kollektiv hier Gras, Hasch & Co. an ihre Mitglieder abgeben dürfen. Ilker bittet mich in sein Büro, wo er mir ein wenig über die Hintergründe der Geschichte des Ganjazz Art Club berichten möchte

Anbau für über 500 Mitglieder

Ich erfahre, dass es den Club bereits seit über zehn Jahren in San Sebastian gibt. Anfänglich hatte man nur eine Hand voll Mitglieder, mittlerweile sind es über 500. Neben zahlreichen Informations- und Aufklärungsaktionen veranstaltet der Club auch Kunst-, Kultur- und Musikveranstaltungen und beweist so, dass er über die Grenzen des Feierabend-Joints hinaus zum kulturellen Leben der Baskenmetropole beitragen kann. Mitglied kann man erst ab dem 21. Lebensjahr werden, aber weil der Club bereits so viele Mitglieder hat, nimmt er seit einer Weile nur noch Leute auf, die 25 oder älter sind. Außerdem muss  jedes neue Mitglied von einem aktuellen empfohlen werden, sozusagen für sie oder ihn bürgen. Patienten werden ohne Empfehlung eines anderen,aufgenommen, sie sollten eine Empfehlung vom Arzt mitbringen. Denn in Spanien gibt es trotz der liberalen Lage noch keine Regelung für Medizinalhanf, so dass die Social Clubs die einzig mögliche Versorgungsquelle für Patienten sind. Viele spanische Ärzte trauen sich aus Unwissenheit und Angst vor den rechtlichen Folgen nicht einmal, eine solche Empfehlung auszustellen, doch im Baskenland sieht die Situation ein wenig besser aus. Dort haben EUSFAC und die alt eingesessenen Clubs bereits gute Kontakte zu Arztpraxen und vor allen Dingen Forschungsprojekten zur medizinischen Verwendung von Cannabis und können Patienten in Notlage sogar einen guten und verständnisvollen Mediziner empfehlen. Doch trotz drei positiver Gerichtsurteile beschlagnahmt die Polizei immer noch regelmäßig Pflanzen des Clubs. Die Gesetzeslage ist eben verzwickt und zum Anbau für die Vereine gibt es, im Gegensatz zum Bestehen der Clubs, keine Gerichtsurteile, die ihn ausdrücklich erlauben.

Doch trotz regelmäßiger Rückschläge gibt es den Ganjazz immer noch und bei 500 Mitgliedern kommt schon eine gehörige Menge Cannabis zusammen. Kaum vorstellbar, dass die Mitglieder zur Selbstversorgung kollektiv ein paar hundert Hanfsamen einpflanzen und diese gemeinsam großziehen, ernten und trocknen, um sie dann untereinander aufzuteilen. Ein solches Vorgehen wäre zu viel Verwaltungsaufwand und würde im Chaos enden. Der Bedarf aller Clubmitglieder wird regelmäßig berechnet und die Anbauprojekte werden dann auf Basis dieser Kalkulationen geplant. Deshalb muss jedes Neumitglied bei Eintritt auch angeben, wie viel Gras sie oder er ungefähr konsumieren. Die Obergrenze liegt bei 60 Gramm pro Person und Monat, wer mehr brauche, so erzählt mir Ilker, benötige eher eine Beratung bezüglich des eigenen Konsummusters. Die vermittelt der Club auch gerne, denn auch Prävention und Jugendschutz gehören zu den Aufgaben eines CSC, wie "El Presidente"  immer wieder betont. Patienten, die einen höheren Bedarf haben, seien von der 60 Gramm Regel selbstredend ausgeschlossen.

Die Obergrenze wird auch längst nicht von allen Mitgliedern ausgereizt, viele kommen nur ein- oder zweimal im Monat und holen sich was für einen schicken Abend oder eine Party. Die 60 Gramm nutzt kaum eines der Mitglieder ohne medizinische Indikation. Die Versorgung des Clubs organisiert ein festes Team von 12 Leuten. Der Anbau an sich wird auch den lokalen Behörden gemeldet, lediglich der Ort ist aus Angst vor Dieben jedweder Colleur nur den Team-Mitgliedern bekannt. Man kann selbst ausrechnen, wie viel Gras der Club  bei 500 Mitgliedern so ungefähr growen muss, der Vorsitzende will da keine Zahlen nennen. Solche Dimensionen habe ich mir anfänglich nicht vorstellen können. Aber es läuft mit wenigen Ausnahmen wie im Oktober 2013, als mal wieder ein Grow beschlagnahmt wurde, bestens, zur Erntezeit können sich die Mitglieder dann als freiwillige Erntehelfer verdingen, was auch viele tun.

Angebaut wird sowohl Out- als auch Indoor , wobei das Anbau-Team des Vereins meist auf Dinafem-Sorten zurückgreift. Spaniens größter Hanfsamenproduzent sitzt ebenfalls in San Sebastian und unterstützt die Aktivitäten des Hanfanbau-Vereins seit seiner Gründung. Das Grower-Team baut an drei Locations  in der Gegend an, zweimal Indoor und einmal draußen. Sie versuchen sich gerade an CBD reichen Sorten, weil vor allen Dingen die Krebspatienten danach verlangen. Gedüngt wird ausschließlich mit Bio-Dünger und zur Schädlingsbekämpfung setzen die ambitionierten Hanfgärtner keinerlei Pestizide oder Insektizide ein. Das Gras ist 100% Bio und die Verantwortlichen versuchen  auch immer, möglichst verschiedene Sorten anzubauen, so dass die Mitglieder eine reiche Auswahl an Wirkungsspektren und Aromen haben. Ob mit Stecklingen oder mit Samen gearbeitet wird, ist von vielen Faktoren wie Sorte, Bedarf oder Umgebung abhängig, der Club  nutzt beide Techniken. Die Grower sind allesamt erfahren und mit Herz bei der Sache, wie ich bei meinem späteren Besuch in einem der drei Anbauräume feststelle.  Deshalb gibt es in den Pflanzräumen auch kaum botanische Probleme, dafür aber viele dicke Buds.

Im Gegensatz zu den Pflanzen werden Clubräume und Mitglieder seit Jahren unbehelligt gelassen. Mit Ausnahme der Prozesse, die allesamt für den Verein ausgingen, sind  die Hanfliebhaber und die Cannabis-Patienten für die Polizei nicht existent. Als ob es sie nicht gäbe, meint Ilker. Er rechne aber eigentlich ständig mit deren Besuch. Man bewegt sich eben in einer rechtlichen Grauzone, hat aber mittlerweile auch einen guten Ruf in der liberalen Kommune, zahlt freiwillig 25 Prozent Steuern auf jedes Gramm  und viele Patienten befinden sich im Rentenalter. Die rechtliche Situation bleibt besonders im Baskenland spannend.

Abgabe gegen Gebühr

Da das Gras nicht verkauft werden darf, erhebt der Club zur Deckung der Kosten eine Unkostengebühr, die für  ein Gramm Indoor bei sechs, ein Gramm Outdoor bei 4,50 Euro liegt, egal welche Sorte. Denn neben der Miete für die Räumlichkeiten muss der Club auch Leute, die anbauen, beraten und die Buchhaltung erledigen und die meist aus den eigenen Reihen kommen, anstellen.  Für Patienten kostet es pro Gramm 1,50 Euro weniger. Ganjazz zahlt dafür auch ganz normale Umsatzsteuer, Buchhaltung und Grasanbau sind transparent, denn das Kollektiv darf als Club auch keine Gewinne erwirtschaften und könnte das jederzeit auch beweisen. Die Mitglieder arbeiten Kosten deckend, wenn Geld übrig ist, wird das in Weiterbildungsprojekte, Informationsveranstaltungen und die allgemeine Vereinsarbeit investiert. Der über die Grenzen des Baskenlandes hinaus bekannte Verein betrachtet sich selbst als eine Art Nicht-Regierungsorganisation, die aktiv eine neue, rationale Drogenpolitik gestaltet, weil der Staat den letzten Schritt hier nicht gehen will. Ilker ist der Meinung, dass, sollte es in Deutschland und/oder Frankreich auch eine breite Bewegung und erste Erfolge geben, es in der ganzen EU bald solche Clubs geben wird. Der Club ist sich  als Mitglied von ENCOD sehr bewusst darüber, dass das Thema Cannabis Social Clubs langfristig auf europäischer Ebene gelöst werden muss.

Die Sorten

Das Angebot umfasst täglich zwischen 10 und 15 Sorten im Angebot. Heute sind es unter anderem „Bubba Kush“, „Chocolope“, „Purple Misty“, „OG Kush“, „Grape Fruit Crunch“, „Cheese“, die restlichen Sorten und das Outdoor Weed sind jetzt, kurz vor Feierabend, schon ausverkauft. Außerdem bietet der Anbauverein immer die bereits erwähnten Cannabis-Tinkturen und Öle sowie ab und zu mal Gebäck an.

Die Zukunft des Ganjazz Art Club

Aufgrund der recht "unglücklichen" Lage des Clubs im Parterre eines Wohnhauses steht dem Ganjazz zur Zeit meines Besuchs bald der Umzug in neue Räumlichkeiten bevor, in denen man vor dem Unmut so mancher geschützt ist. Es sei doch immer das gleiche, erklärt mir Ilker, mit 95 Prozent der Nachbarn habe man ein gutes Verhältnis. Aber diejenigen, mit denen man nie in Kontakt getreten ist, die einem nur von Weitem und vom Wegschauen kennen, die beschweren sich über alles und jeden.

Mit dem Umzug (Anmerkung: Der hat Anfang 2014 stattgefunden) sind längst noch nicht alle Probleme gelöst, denn erst vergangenen Oktober wurde wieder ein Indoor-Grow des Clubs von der Polizei beschlagnahmt. Vorstand und Mitglieder arbeiten weiter daran, endlich vollkommen legal anbauen und kiffen zu dürfen und so die rechtliche Grauzone verlassen. Dann könnten sie die Zusammenarbeit mit Medizinern und Universitäten auch intensivieren, weil dann echte wissenschaftliche Arbeit möglich wäre. Aktuell führt der Club in Zusammenarbeit mit der Uni in Bilbao eine wissenschaftliche Studie mit 100 seiner Patienten durch. Solche Dinge würden sie gerne viel größer gestalten, woran sie die Prohibition allerdings noch hindert.
Ähnlich verhält es sich beim Anbau. Auch da würden die Ganjazz-Gärtner  gerne intensiver forschen können, was jedoch zur Zeit aufgrund der Rechtslage auch in Spanien nur sehr bedingt möglich ist.
Ansonsten möchte man einfach an die letzten 10 Jahre anknüpfen, in denen doch schon so Einiges erreicht wurde.

Dringend wäre zum Einen eine Lösung des Transportproblems, das an die "Backdoorproblematik" in den Niederlanden erinnert. Denn der Transport vom privaten Growraum zum wiederum privaten Club findet zwangsläufig in der Öffentlichkeit statt und ist somit der einzig wirklich illegale Baustein im Konzept, was Polizei und Staatsanwaltschaft immer wieder gerne zur Beschlagnahme von für Shops bestimmte Produkte ausnutzen. Das zweite große Ziel ist die Einführung von kommerziellen Shops. Denn die Cannabis Social Club Szene sieht sich zunehmend einer Kommerzialisierung ausgesetzt, was im zweiten Teil dieses Artikels behandelt werden soll. Damit die Clubs weiterhin unkommerziell arbeiten können, indem sich Cannabis-Enthusiasten für die Sache engagieren, muss es ein Alternativ-Modell für jene geben, die Gras lieber kaufen oder verkaufen, als selbst zu growen und sich öffentlich für Hanfkultur stark zu machen. Deshalb hat die Spanische ENCOD-Sektion im Rahmen der Spannabis 2014 ein Manifest zur Einführung von Hanf-Fachgeschäften publiziert, ohne die die CSC-Bewegung den unkommerziellen Charakter und somit ein wichtiges Argument für ihre Existenzberechtigung verlieren würde.

Nach dieser wirklich umfassenden Einleitung bedanke ich mich beim Vorsitzenden des Clubs und wünsche dem Ilker und Ganjazz alles nur erdenklich Gute für eine hoffentlich noch grünere Zukunft. Für den zweiten Teil meines Berichts fahre ich ein paar Stunden Richtung Osten nach Barcelona. Die Hauptstadt Katalaniens ist mittlerweile schon fast berühmt für die große Anzahl von CSCs, deren größter schon vor zwei  Jahren weltweit Schlagzeilen produzierte. Damals wollte der ABCDA (Associació Cannàbica Barcelonesa d'Autoconsum) in einem Dorf mit Unterstützung des Bürgermeisters und einer Mehrheit der Bewohner auf mehreren Hektar Cannabis anbauen. Die Initiative wurde 2013 von der Spanischen Zentralregierung gestoppt. Also baut der Club weiterhin Indoor-Gras in und um Barcelona an, das ich mir beim nächsten Stopp meiner Tour mal genauer ansehen werde.

Im zweiten Teil geht es um verschiedene Modelle von CSCs in Barcelona, den Besuch eines Provinz-Clubs in der Nähe von Valencia. sowie einen Abstecher auf die Kanarischen Inseln, wo wiederum andere Regeln gelten.

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