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Mehr Sex in der Drogenpolitik!


Meldung des DHV vom 26. 6. 2008

Weil die deutsche Politik die Utopie einer “drogenfreien Gesellschaft” nicht hinterfragt, gehen viele Maßnahmen der Drogenprävention an den Betroffenen vorbei. Dabei ist den Verantwortlichen klar, dass “sich staatliche Aufklärungskampagnen an der Lebensrealität der Jugendlichen orientieren” müssen. Umfangreiche Studien haben gezeigt, dass “reine Enthaltsamkeitsprogramme nicht effektiv zur Abstinenz ermutigen, sondern im Gegenteil ineffektiv sind

Der Deutsche Hanf Verband (DHV) ruft die Politik dazu auf, sich diese Lehren der Sexualprävention zu Herzen zu nehmen und fordert: “Mehr Sex in der Drogenpolitik wagen!”

Sex und Rausch – Brüder im Geiste

Sexualität und der Konsum von Rauschmitteln haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Beide sind “allgemeiner Bestandteil des menschlichen Lebens“³. Die zugrunde liegenden Bedürfnisse erwachen in der Regel in der Pubertät. Beide sind in ein engmaschiges Netz gesellschaftlicher Tabus und Regeln eingebunden und dennoch “allgegenwärtig”. Kaum ein Mensch gestaltet sein Leben gänzlich frei von sexuellen und rauschhaften Erlebnissen! Die Befriedigung des menschlichen Bedürfnisses nach Sex und Rausch ist jedoch mit Risiken behaftet. Wer sich ihnen hingibt, ohne über mögliche Folgen aufgeklärt zu sein, läuft Gefahr sich oder anderen zu Schaden. Schlimmstenfalls droht Krankheit, gesellschaftliche Ausgrenzung, Gefängnis oder gar der Tod.

Die “Unvermeidlichkeit” ihres Geschehens und das Bewusstsein über die Gefahren hat zur beinahe gesellschaftsübergreifenden Erkenntnis geführt, dass man mit der Information über Risiken im Zusammenhang mit Sex und Drogen nicht erst dann beginnen darf, wenn Kinder und Jugendliche entsprechende Erfahrungen gemacht haben.

Akzeptanz oder Abstinenz

Präventive (vorbeugende) Maßnahmen sollen helfen, unerwünschte Ereignisse und ihre Folgen zu vermeiden. Prävention ist aber nicht gleich Prävention. Wie unterschiedlich man diesen Begriff verstehen kann und welche gravierenden Auswirkungen “falsche Prävention” hat, zeigt sich am Beispiel Sex und Drogen überdeutlich.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beschreibt ihre Aufgabe im Bereich Sex wie folgt:

“Das Rahmenkonzept geht von einem umfassenden Begriff von Sexualität aus. Sexualität ist danach ein existentielles Grundbedürfnis des Menschen und ein zentraler Bestandteil seiner Identität und Persönlichkeitsentwicklung. Für jeden Menschen ist Sexualität mit ganz unterschiedlichen Hoffnungen, Erwartungen und Erfahrungen verbunden; sie ist darüber hinaus eingebettet in ein komplexes Netz aus Normen und Wertvorstellungen auf gesellschaftlicher Ebene. Eine darauf aufbauende Sexualaufklärung und Familienplanung beschränkt sich nicht auf bloße Wissensvermittlung über biologische Vorgänge wie Zeugung und Schwangerschaft, sondern thematisiert neben sachlichen Informationen auch die Beziehungen zwischen Menschen. Damit sind Liebe, Freundschaft und Emotionalität ebenfalls Gegenstand einer ganzheitlich orientierten Aufklärungsarbeit. Ziel ist es, Menschen zu einem eigen- und partnerverantwortlichen, gesundheitsgerechten Umgang mit Sexualität zu befähigen.”Themenschwerpunkt Sexualaufklärung und Familienplanung der BZgA

Ganz anders klingt das Selbstverständnis der BZgA im Bereich Suchtpolitik:

“Um die Schäden, die mit Substanzmissbrauch einhergehen, zu verringern, muss die Vorbeugung von Sucht neben Suchttherapie und Repression zentraler Bestandteil einer umfassenden Sucht- und Drogenpolitik sein. Folgerichtig wurde die Suchtprävention in Deutschland im Rauschgiftbekämpfungsplan von 1990 sowie im 2003 beschlossenen Aktionsplan Sucht und Drogen als wichtiges Element einer umfassenden Suchtarbeit festgelegt.

Zu den vorrangigen Zielen suchtpräventiven Handelns gehören zwecks Minderung von vorzeitigen Todesfällen, Krankheiten und sonstigen Problemlagen (z.B. Gewalt) im Zusammenhang mit schädlichem Drogengebrauch:

  • Die Vermeidung und/oder Hinauszögerung des Einstiegs in den Konsum legaler und illegaler Drogen
  • Die Früherkennung und Frühintervention bei riskantem Konsumverhalten
  • Die Verringerung von Missbrauch und Sucht.”

Themenschwerpunkt Suchtprävention der BZgA

Während in der Sexualprävention versucht wird, “Menschen zu einem eigen- und partnerverantwortlichen, gesundheitsgerechten Umgang mit Sexualität zu befähigen” ist das Ziel der Drogenprävention “Vermeidung und/oder Hinauszögerung des Einstiegs in den Konsum legaler und illegaler Drogen”.

Klassischer könnten die unterschiedlichen Präventionsziele nicht formuliert sein. Wie aus dem Lehrbuch folgt die BzGA bei Sex und Drogen zwei radikal verschiedenen Konzepten:

  • Einerseits Aufklärung, die akzeptiert, dass Menschen Sex haben, und sich bemüht, ihnen Hilfen anzubieten, die risikoarmen “Sexkonsum” ermöglichen.
  • Andererseits eine auf die Verhinderung des Konsums ausgerichtete Aufklärung, die man treffender als “Abschreckung” bezeichnen sollte.

Nun ist die BZgA bei weitem nicht der einzige Aktive auf dem Feld der Präventionsarbeit. Die Bundesregierung zum Beispiel finanziert eine ganze Reihe von Präventionsmaßnahmen. Doch auch ihr drogenpolitisches Konzept setzt ausschließlich auf den Abstinenzgedanken:

“Die vier Säulen der Drogen- und Suchtpolitik

Prävention…
…soll den gesundheitsschädlichen Konsum von Suchtmitteln von vornherein verhindern. Die Hauptzielgruppe sind Kinder und Jugendliche. Je früher die Prävention sie erreicht, desto nachhaltiger sind die Effekte. Es gilt: Konsumbeginn verhindern, verzögern oder reduzieren. Jeder Einzelne soll gestärkt werden, rechtzeitig “Nein” sagen zu können.”Drogen und Sucht – Ein Plan in Aktion

“Die Bundesregierung vertritt die Auffassung, dass ein Verzicht von Cannabiskonsum die beste Prävention vor damit einhergehenden gesundheitlichen Risiken ist.”Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Grünen Fraktion zu “Aufklärungsmaßnahmen zu gesundheitlichen Risiken durch verunreinigte Cannabisprodukte”

Die Liste von Beispielen dieses einseitig repressiven Präventionsverständnisses staatlicher Stellen im Bereich Drogen ließe sich endlos fortsetzen.

Aufrufe zu Enthaltsamkeit funktionieren nicht

Say No To Sex Funktioniert nicht – US-Kampagne für Enthaltsamkeit

Wenn, wie in der Drogen- und Sexualaufklärung, ähnlichen Problemen mit radikal unterschiedlichen Methoden begegnet wird, bietet sich das geradezu für einen Vergleich der Effektivität der eingesetzten Instrumente an.
Die Effektivität einer Präventionskampagne misst man am besten daran, ob sie geeignet ist, riskantes Verhalten zu vermeiden. Auf die Sexualität übertragen bedeutet dies – Führt die Maßnahme zu weniger ungewollten Schwangerschaften und weniger Geschlechtskrankheiten? In der Drogenpolitik ist die entscheidende Frage – Führt der eingeschlagene Weg zu einer Senkung der Abhängigenzahlen und weniger konsumbedingten Krankheiten?

Das British Medical Journal (BMJ) berichtet in seinem Band Nr. 335 (Seite 248) von der bisher größten Studie über “die Effekte präventiver Maßnahmen im Bereich Sexualität, die auf Enthaltsamkeit und den Verzicht auf sexuelle Kontakte setzen”. Das Forscherteam des Centre for Evidence-Based Intervention der Universität Oxford unter der Leitung von Frau Dr. Kristen Underhill verglich dabei die Ergebnisse von 13 US-amerikanischen Studien mit insgesamt 15 940 beteiligten Jugendlichen.Nach Auswertung der Studien schlussfolgerte Underhill: “Programme, die ausschließlich zum Verzicht auf Sex aufrufen, scheinen in reichen Ländern das Risiko einer HIV-Infektion nicht zu beeinflussen”. Weiterhin fanden sie heraus: “Kein Programm hat die Häufigkeit von ungeschütztem Geschlechtsverkehr, die Zahl der Partner, den Gebrauch von Kondomen oder den Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs beeinflusst.”

“Results

The search identified 13 trials enrolling about 15 940 US youths. All outcomes were self reported. Compared with various controls, no programme affected incidence of unprotected vaginal sex, number of partners, condom use, or sexual initiation. One trial observed adverse effects at short term follow-up (sexually transmitted infections, frequency of sex) and long term follow-up (sexually transmitted infections, pregnancy) compared with usual care, but findings were offset by trials with non-significant results. Another trial observed a protective effect on incidence of vaginal sex compared with usual care, but this was limited to short term follow-up and countered by trials with non-significant findings. Heterogeneity prevented meta-analysis.

Conclusion

Programmes that exclusively encourage abstinence from sex do not seem to affect the risk of HIV infection in high income countries, as measured by self reported biological and behavioural outcomes.”Studienzusammenfassung im BMJ

Die britischen Forscher konnten damit eine Theorie bestätigen, die in der Sexualaufklärung bereit mehr als ein Jahrzehnt diskutiert wird. Auch die BZgA sieht sich durch die Studie bestätigt. Die Direktorin der BZgA Elisabeth Pott kommentierte die Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung mit den Worten:

“Wir setzen nicht darauf, den Jugendlichen Enthaltsamkeit zu empfehlen” Pott forderte, dass “sich staatliche Aufklärungskampagnen an der Lebensrealität der Jugendlichen orientieren. Moralische Empfehlungen gehören ihrer Meinung nach nicht in staatliche Kampagnen”No-Sex-Kampagnen sind nutzlos

Kondome schützen auch die Gesellschaft

Wenn Abstinenz, sei sie gesetzlich festgelegt oder lediglich erwünschtes Verhalten, nicht dazu führt, dass riskante Verhaltensweisen reduziert werden, kann dann eine akzeptierende Präventionsarbeit mehr leisten?

Anders als die USA, wo noch immer jede Dritte Präventionsdollar in Enthaltsamkeitsprogamme mit bestenfalls zweifelhaften Ergebnissen fliesst, setzt die Bundesregierung in der Sexualaufklärung regelmäßig auf einen Prävantionsansatz, der Geschlechtsverkehr unter Jugendlichen akzeptiert. Unter dem Motto “Gib Aids keine Chance” sind in den letzten 15 Jahren wiederholt erfolgreich Jugendliche auf das Thema AIDS aufmerksam gemacht und hundertausende Kondome verteilt worden.

Mit berechtigtem Stolz verweisen BzGA und Bundesgesundheitsministerium auf die Erfolge der mitunter ungewöhnlichen Kampgane:

“Deutschland hat damit im europäischen Vergleich weiterhin eine der niedrigsten Infektionsraten, dennoch dürfen wir in unseren Anstrengungen, HIV/AIDS zu bekämpfen, nicht nachlassen. Wir haben deshalb seit diesem Jahr die Mittel für die Aidsprävention noch einmal um drei Millionen Euro erhöht und mit dem HIV/AIDS Aktionsplan, den die Bundesregierung Anfang des Jahres beschlossen hat, die Weichen neu gestellt.”Bundesgesundheitsministerin Schmidt anläßlich des Welt- Aids- Tag

Der von Ulla Schmidt angesprochene Aktionsplan nennt Aufklärung und Prävention als wichtigste Aufgaben in der AIDS-Bekämpfung:

“Wirkungsvolle gesundheitliche Aufklärung ist mehr als Information zum Erwerb von Wissen. Sie motiviert und befähigt, sich gesundheitsgerecht zu verhalten und zu handeln. Information, Motivation und Kompetenzentwicklung sind deshalb wichtige Säulen eines erfolgreichen Präventionsansatzes. Verwirklicht wird dieses Konzept mit der Kampagne “Gib AIDS keine Chance”, die seit 1987 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Auftrag der Bundesregierung entwickelt und durchgeführt wird. Die Botschaft erreicht die Bevölkerung. Fast alle kennen die Übertragungswege des HIV-Virus und die Möglichkeiten, sich vor einer Ansteckung zu schützen. Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten ist die Prävalenz von HIV in Deutschland relativ niedrig. Fachleute stimmen darin überein, dass dies eine Folge der nachhaltigen Präventionsprogramme ist, die mit vielen Beteiligten in großem gesellschaftlichen und fachlichen Konsens umgesetzt werden. Das Konzept der engen Zusammenarbeit zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen gilt international als vorbildlich.”Aktionsplan AIDS

Effektivität akzeptierender Drogenpolitik

Keine Macht den Drogen Funktioniert nicht – Kampagne gegen Drogenkonsum

In der deutschen Drogenpolitik gibt es nur sehr wenige Beipsiele einer akzeptanzorientierten Präventionsarbeit. Die überwiegende Mehrheit drogenpräventiver Kampagnen der Bundesregierung setzt ganz auf Abstinenz. “Keine Macht den Drogen” ist das bekannteste dieser Enthaltsamkeitsprogramme.

Dass auch in Deutschland akzeptierende Drogenprävention möglich ist, zeigt die Etablierung so genannter Drogenkonsumräume (Druckräume). Das sind Einrichtungen, “in deren Räumlichkeiten Betäubungsmittelabhängigen eine Gelegenheit zum Verbrauch von mitgeführten, ärztlich nicht verschriebenen Betäubungsmitteln verschafft oder gewährt wird.” §10a Betäubungsmittelgesetz (BtMG
In der Regel werden Drogenkonsumräume für Heroin-, Kokain- und Crackkonsumenten eingerichtet. Insbesondere beim injizierenden Drogengebrauch, also dem Spritzen von Drogen, versprach man sich durch Druckräume einen Anstieg der Lebensqualität der Süchtigen und einen Rückgang der begleitenden Erkrankungen wie Hepatitis oder AIDS.

Das Trimbos Institute, Institut für geistige Gesundheit und Sucht der Niederlande, untersuchte im Auftrag der Europäischen Kommision unter anderem auch die Effektivität von Drogenkonsumräumen. Der im Jahr 2006 veröffentlichte Bericht stellt fest:

“Drogenkonsumräume können gemeinsamer Nadelbenutzung bei injizierenden Drogenkonsumenten vorbeugen und drogenbedingte Todesfälle reduzieren.”Prävention und Reduzierung von Gesundheitsschäden im Zusammenhang mit Drogenabhängigkeit”

Zwar stand bisher die unklare juristische Situation kommunaler Drogenkonsumräume einer genaueren wissenschaftlichen Analyse im Weg, doch die beteiligten Städte und Suchthilfeeinrichtungen sind vom Erfolg ihrer Arbeit überzeugt. Die Bundesregierung sieht die Ergebnisse der Drogenkonsumräume ebefalls überwiegend positiv und verteidigt sie gegen die Kritik des UNODC, das in ihnen einen Bruch der UN-Suchstoffkonvention sieht.

Nun mag der eine oder andere einwenden, dass die Regierung dem Akzeptanzgedanken gegenüber Heroinabhängigen nur angesichts des immensen Elends eine Chance gegeben hat. Selbst wenn dies zu Beginn der Maßnahme so gewesen sein mag, so kann man die Verteidigung der Drogenkonsumräume gegen den Widerstand der Vereinten Nationen und das parteiübergreifend Unterstützte Modell zur Heroinabgabe nur damit erklären, dass die Erfolge der Projekte die anfängliche Skepsis der Politik in den Schatten stellen.

Alkohol mit Augenmaß! Akzeptanz aus Vernunft

Auch am gefühlten anderen Ende der Verelendungsskala unternimmt die Bundesdrogenbeauftragte zaghafte Schritte in Richtung akzeptierende Drogenpolitik. Noch vor wenigenm Jahren war z.B. die Diskussion um den Alkoholkonsum Jugendlicher in erster Linie davon geprägt, nach medienwirksamen Exzessen Einzelner weitreichende Konsumverbote für alle jungen Menschen zu fordern. Als maßvoll galt damals schon derjenige, der lediglich bestehende Jugendschutzvorschriften konsequenter angewendet sehen wollte.

Genützt haben Alkoposteuer und das Verbot von Flatrateparties jedoch wenig. Die deutschen Jugendlichen konsumierten im europäischen Vergleich weiterhin Spitzenmengen alkoholischer Getränke.

“20 Prozent der Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren trinken regelmäßig Alkohol.”Themenschwerpunkt Alkohol im Webauftritt des BMGs

Im Sommer 2007 drehte sich der politische Wind jedoch. Seitdem hört man aus dem Mund der Bundesdrogenbeauftragten gehäuft Aussagen, denen man entnehmen kann, dass nicht der Verzicht auf Alkohol, sondern ein maßvoller Umgang mit diesem Rauschmittel Ziel staatlicher Prävention geworden ist.

“Alkohol gilt als gesellschaftlich anerkanntes Genussmittel. Gegen das Glas Wein zum Essen, das Bier in gemütlicher Runde ist nichts einzuwenden.”Sabine Bätzing zur Aktionswoche “Alkohol – Verantwortung setzt die Grenze

“Ja, ich trinke ab und zu Mal Alkohol, ich komme aus einer Weingegend. Da trinkt man schon mal ein Glas Wein, ich trinke aber auch gerne mal ein Kölsch oder so was, aber maßvoll.

Wie gesagt, das soll jetzt nicht verteufeln, mal das Glas Bier, mal das Glas Wein, aber der Alkoholkonsum, der in Deutschland sich abzeichnet, der ist schon sehr, sehr hoch, der ist zu hoch und von daher würde ich sagen, dass Alkohol momentan das ist, wo wir am meisten ansetzen müssen, weil daraus auch vieles nachher resultieren kann.

Und wenn es dann heißt, ah, Sie wollen alles verbieten, und wir dürfen gar nichts mehr, und: alles was Spaß macht verbieten Sie, ob das jetzt das Trinken ist, das Rauchen. Dabei geht es mir gar nicht darum, sondern mir geht es bei dem Thema Alkoholkonsum, dass man einfach mal überlegt, wann trinke ich eigentlich was – und wie viel. Sich einfach nur mal selbstkritisch zu hinterfragen, denn wie gesagt, wir bekommen es angeboten und wir konsumieren einfach.

Es ist auch gar nichts dagegen zu sagen, wenn man bei einer Feier mal ein Glas Wein trinkt oder zu einem anderen Anlass. Das kann auch mal passieren, dass man auch mal zu viel trinkt. Es kann auch passieren, dass Jugendliche mal betrunken sind, was aber nicht passieren kann, was auch nicht normal ist, und was auch nichts mehr mit Grenzen austesten zu tun hat, das ist wie gesagt dieses Komatrinken, dieses einfach nur sinnlose Betrinken.”Sabine Bätzing “Rauchverbot und Komasaufen – viel Arbeit für die Drogenbeauftragte”

“Die Bundesregierung setzt in der Alkoholprävention auf einen Policy Mix von Verhältnis- und Verhaltensprävention. Gesetzliche Beschränkungen gehören ebenso dazu wie Aufklärungskampagnen über die Gefahren des riskanten Alkoholkonsums.”Themenschwerpunkt Alkohol im Webangebot des BMG

Cannabis niemals! Abstinenz wider besseres Wissen?

Wenn sich bei zwei so unterschiedliche Rauschmittel wie Alkohol und Heroin akzeptierende Drogenpolitik bewährt hat und das Eingeständnis, Konsum nicht grundsätzlich verhindern zu können, zu weniger Elend und weniger Krankheit führte, warum hält die Drogenbeauftragte dann bei anderen Rauschmitteln an der Abstinenzforderung fest?

“Die Bundesregierung hält auch deshalb an der grundsätzlichen Strafbarkeit des unerlaubten Besitzes, des Anbaus und des unerlaubten Handel von Cannabis fest (§ 29 Abs. 1 Betäubungsmittelgesetz), weil sie Cannabis nicht als harmlose Droge ansieht.

Vertritt die Bundesregierung die Auffassung, dass eine geeignete Strategie, die gesundheitlichen Risiken des Konsums von verunreinigtem Cannabis zu vermeiden, darin besteht, auf den Konsum von Cannabis überhaupt zu verzichten.”Risiken des Cannabiskonsums

“Keine der neueren Studien hat Cannabis eine “Unbedenklichkeitsbescheinigung” ausgestellt. Vielmehr wird zunehmend auf eine Reihe akuter und langfristiger Beeinträchtigungen durch nichtmedizinischen Cannabiskonsum hingewiesen, die zwar normalerweise gering, bei chronischem Dauerkonsum aber mit größeren Risiken, bis zur psychischen Abhängigkeit, verbunden sind. Die Untersuchungen weisen auf die “vielen Unbekannten” hin und empfehlen weitere wissenschaftliche Untersuchungen im Hinblick auf den Wirkmechanismus der Inhaltsstoffe von Cannabis.”Antwort des BMG auf einen DHV-Protestmailer

Die Cannabispolitik beschränkt sich auf Verbote, weil es “nicht harmlos” ist? Gleichzeitig wird der weit riskantere Konsum von Heroin akzeptiert? Wer hat Alkohol eigentlich je eine “Unbedenklichkeitsbescheinigung” ausgestellt?

Akzeptanz statt Prohibition

Wer die Erfolge und Misserfolge staatliche Präventionskampagnen nüchtern betrachtet, wird erkennen, dass Kampagnen, die auf Verzicht oder Verbot setzen, kaum nachweisbare positive Effekte haben. Vielfach erreichen sie die Zielgruppe nicht oder gehen an deren erlebter Realität vorbei. Andererseits haben sich Maßnahmen akzeptanzorientierter Präventionsarbeit mehr als einmal als geeignet erwiesen, riskante Verhaltensweisen zu reduzieren oder ihre Auswirkungen abzumildern.
Eine moderne Drogenpolitik darf sich dieser Erkenntnis nicht entziehen.

“Es wird Zeit, dass die Politik die in der Sexualaufklärung gewonnenen Lehren konsequent auf die Präventionsarbeit bezüglich aller Rauschmittel überträgt. Rein prohibitive Kampagnen wie -Keine Macht den Drogen- sind nicht geeignet, Drogenelend zu verhindern oder den Einstieg in den Rauschmittelkonsum zu verzögern.” so Steffen Geyer vom Deutschen Hanf Verband. Er fordert die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing und die Bundesregierung auf: “Mehr Sex in der Drogenpolitik wagen!”

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{Nachtrag vom 27.07.2010: Suchtwoche.de und der Artikel der Süddeutschen Zeitung sind offline}


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