In den Niederlanden läuft seit mehr als einem Jahr ein Modellprojekt zur Erprobung einer 100% legalen Cannabisindustrie, in der von der Erzeugung bis zur Abgabe in teilnehmenden Coffee-Shops sämtliche Schritte lizenziert und kontrolliert werden. Nun ist ein erster Zwischenbericht zum Stand des Modellprojekts erschienen.
Dieses Modellprojekt ist auch für Deutschland höchst relevant, weil es zeigt, dass wissenschaftliche Modellprojekte zur Cannabisabgabe, wie sie auch hierzulande diskutiert und von mehreren großen Städten angestrebt werden, mit EU-Recht vereinbar sind.
Das sogenannte “Wietexperiment” startete am 7. April 2025 in zehn teilnehmenden Gemeinden. In diesem sollen Erfahrungen mit einer legalen, geschlossenen Produktionskette und Abgabe von Cannabisprodukten gesammelt werden. Hintergrund des Experiments ist der Umstand, dass Cannabis entgegen der allgemeinen Annahme keineswegs legal in den Niederlanden ist, sondern der Besitz und Verkauf in Coffee-Shops lediglich toleriert wird. Dies führt zum sogenannten “Backdoor”-Problem. Sämtliche Waren, die in den Coffee-Shops abgegeben werden, stammen aus illegalen Quellen. Es existiert keine legale Erzeugerkette. Mit dem Wietexperiment ändert sich dies erstmals. Alle Produkte, die in den teilnehmenden Coffee-Shops angeboten werden, stammen von zertifizierten niederländischen Produzenten und können von der Pflanze bis zum Endprodukt zweifelsfrei nachverfolgt werden (“track and trace”).
Das Experiment wurde schrittweise ausgerollt und es gab eine Übergangsphase von 2023 bis zum offiziellen Start am 07. April 2025, in der sowohl neuartige, legale Produkte als auch Produkte aus illegalen Quellen gleichzeitig verkauft wurden. Ebenfalls mit Verzögerung trat die geschlossene Produktionskette für Haschisch erst am 1.September 2025 in Kraft.
Zur Auswertung wurden sowohl in den teilnehmenden Gemeinden des Wietexperiments (Interventionsgemeinden) als auch in Vergleichsgemeinden mit “traditionellen” Coffeeshops Daten erhoben, vor dem Beginn und nach ungefähr einem halben Jahr. Die Datenerhebung unter Coffee-Shop-Besuchern für den Zwischenbericht fand mittels Umfragen von Anfang September bis Ende November 2025 statt. Die Autoren des Zwischenberichts weisen darauf hin, dass bei diesen Umfragen regelmäßig Konsumierende überrepräsentiert waren im Vergleich zu Gelegenheitskonsumenten.
Des Weiteren wurden auch Teilnehmer des Experiments (Produzenten, Betreiber von Coffee-Shops) und lokale Behörden (Regulierungsbehörden,Verwaltung, Polizei) befragt.
Erfahrungen mit der geschlossenen Coffeeshop-Lieferkette
Die Anfangsphase des Experiments war laut Expertenaussagen von einigen Widrigkeiten gekennzeichnet. Zu diesen gehörten vor allem die begrenzte Verfügbarkeit von Haschisch-Produkten und technische Fehler im Track-and-Trace-System. Diese konnten in den folgenden Monaten jedoch größtenteils gelöst werden. Die Knappheit insbesondere im Fall von Haschisch führte jedoch laut Coffeeshop-Besucherbefragungen nicht zu einer Abwanderung zum illegalen Markt. Illegale Einkäufe waren begrenzt und vergleichbar mit dem Anteil in den Vergleichsgemeinden, die nicht am Wietexperiment teilgenommen hatten.
In Interviews mit Kontrolleuren des Wietexperiments wurden die Überwachungsaufgaben der Produktionskette als vielfältig beschrieben. Dennoch wurden die Kontrollstandards in Hinblick auf Qualität, Verpackung und Produktzusammensetzung als praktikabel erachtet und auch auf Seiten der Erzeuger scheint deren Einhaltung in der Praxis unproblematisch gewesen zu sein. Es wurden zudem keine Anzeichen für eine unzulässige Verlagerung des Anbaus, der Lagerung oder des Vertriebs außerhalb der offiziellen Lieferkette (z.B. in den Schwarzmarkt) festgestellt.
Angebotsstruktur in den teilnehmenden Coffeeshops
Die erste Zwischenauswertung zeigt, dass sich das Cannabisangebot in den Interventions- und Vergleichskommunen seit Beginn des Experiments unterschiedlich entwickelt hat. Zu Beginn der Erhebung war das Angebot noch weitgehend vergleichbar. Basierend auf Analysen von Coffeeshop-Menüs in beiden Arten von Gemeinden, ergänzt durch Daten aus der Besucherbefragung der Coffeeshops und Interviews mit Coffeeshop-Besitzern konnte festgestellt werden, dass die Auswahl an verschiedenen Cannabisprodukten in den Coffeeshops, insbesondere in den Interventionskommunen, zugenommen hat.
Im Vergleich zum Beginn verkauften mehr Coffeeshops Edibles und Vapes, insbesondere in den Interventionsgemeinden. In diesen Gemeinden boten fast alle Coffeeshops Edibles
an und etwa sechs von zehn Coffeeshops verkauften Vapes. Auch der Anteil der Coffeeshops, die Konzentrate anbieten, stieg in den Interventionsgemeinden. Diese Entwicklung war in den Vergleichsgemeinden weniger ausgeprägt.
Es zeigten sich auch deutliche Unterschiede bei den Preisentwicklungen: Der Durchschnittspreis für Cannabisblüten sank in Interventionsgemeinden stärker als in Vergleichsgemeinden. Dagegen stieg der Preis für Haschisch in Interventionsgemeinden stärker an. Bei vorgedrehten Joints scheint es in beiden Gemeindetypen einen leichten Preisanstieg gegeben zu haben.
Der Konsum von Cannabis blieb insgesamt weitgehend stabil. Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen Interventions- und Vergleichskommunen im im Hinblick auf die Nutzungshäufigkeit, die Anzahl der Nutzungstage oder die Anzahl der Joints pro Nutzungstag. In den Interventionsgemeinden ist jedoch der Anteil der Besucher, die in den letzten 30 Tagen ausschließlich oder hauptsächlich Cannabisblüten verwendet haben, im Vergleich zu Haschisch oder einer Kombination aus beidem stärker gestiegen. Dies dürfte erklärbar sein mit den beobachteten Veränderungen beim Angebot (zunächst kein Hasch) und den Preisentwicklungen (Blüten deutlich günstiger).
Kundenstruktur und Nutzung der angebotenen Produkte
Die erste Auswertung zeigt zudem, dass die Zusammensetzung der Coffeeshop-Kunden und die Art und das Ausmaß des Cannabiskonsums seit Beginn der experimentellen Phase weitgehend gleich geblieben sind. Coffeeshops wurden in beiden Gemeindetypen hauptsächlich von bestehenden Nutzergruppen besucht. Nur eine kleine Gruppe von Befragten gab an, dass sie vor Beginn des Experiments keinen Coffeeshop besucht hatten und dies jetzt getan haben.
Was die Verkaufsmengen angeht, so zeigt die Coffeeshop-Besucherbefragung eine Verschiebung in den Interventionsgemeinden. Hier ist die Zahl der je Transaktion gekauften Menge an Cannabisblüten stärker gestiegen als in den Vergleichsgemeinden. Bei der Anfangserhebung betrug die Menge ein Gramm Cannabisblüten und hat sich in den Interventionsgemeinden auf fünf Gramm gesteigert. In Vergleichsgemeinden blieb ein Gramm die meistverkaufte Menge. Bei Haschisch ist keine ähnliche Verschiebung zu beobachten.
Gleichzeitig deuten die Indikatoren nicht auf einen Anstieg des Cannabiskonsums in den Interventionskommunen im Vergleich zu den Vergleichskommunen hin. Die Coffeeshop-Besucherbefragung zeigt keine signifikanten Unterschiede zwischen Interventions- und Vergleichskommunen in Bezug auf Änderungen der Nutzungshäufigkeit, der Anzahl der Nutzungstage pro Monat.
Auswirkungen auf Kriminalität und die direkte Umgebung von Coffee-Shops
Es zeigt sich, dass es seit Beginn des Experiments keine eindeutigen Veränderungen bei den mit Coffee-Shops in Zusammenhang stehenden Belästigungen oder Straftaten gegeben hat, die eindeutig auf das Experiment zurückzuführen sind. Wo Belästigungen oder Ruhestörungen erwähnt wurden, handelt es sich hauptsächlich um bekannte Phänomene wie herumhängende Menschen, Verkehr und Lärm. Dieses Bild wird in Interviews mit Kommunen und anderen Stakeholdern bestätigt, die darauf hinweisen, dass keine strukturellen Veränderungen in der Umgebung von Coffeeshops zu beobachten seien.
Im Hinblick auf den illegalen Anbau und Großhandel von Cannabis zeigen die vorliegenden Daten derzeit keine eindeutigen Trends. In Interviews mit der Polizei gab diese an, dass es zu früh sei, um festzustellen, ob die geschlossene Lieferkette Auswirkungen auf diese Aspekte der Drogenkriminalität hat.
Auswirkungen auf den Illegalen Markt
Die erste Folgeerhebung zeigt, dass es keine Hinweise auf Veränderungen auf dem illegalen Markt als Folge des Experiments gibt. Die meisten beobachteten Unterschiede zwischen Interventions- und Vergleichskommunen sind gering und statistisch nicht signifikant, was mit dem frühen Stadium des Experiments erklärbar sein dürfte.
Ein niedrigerer Preis und ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis sind nach wie vor die Hauptgründe für den Kauf von Cannabis außerhalb von Coffeeshops. Lieferdienste und Händler, die über Smartphone-Apps zugänglich sind, waren die Haupteinkaufsquelle außerhalb von Coffeeshops sowohl in Interventions- als auch in Vergleichskommunen.
Die Zufriedenheit mit illegal gekauftem Cannabis blieb in den ersten Monaten des Experiments in beiden Gruppen hoch. Auch hier werden keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen Interventions- und Vergleichskommunen gefunden.
Eine Ausnahme betrifft die Kaufmenge von Haschisch auf dem illegalen Markt: In den Interventionskommunen stieg die durchschnittliche Haschischmenge pro Transaktion erheblich an. Dies dürfte mit den anfänglichen Engpässen bei legalen Haschischprodukten erklärbar sein.
Der Durchschnittspreis je Gramm Cannabisblüten ging auf dem illegalen Markt sowohl in den Interventions- als auch in den Vergleichskommunen leicht zurück, der Preis für Haschisch blieb in den Interventionskommunen ungefähr gleich, während er in den Vergleichskommunen anstieg.
Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit
Die erste Auswertung offenbart weiterhin, dass es seit Beginn der experimentellen Phase keine eindeutigen Veränderungen hinsichtlich der Gesundheit von Coffeeshop-Besuchern gegeben hat. Die Coffeeshop-Besucherbefragung zeigt, dass etwa drei Viertel der Befragten sowohl in Interventions- als auch in Vergleichskommunen ihren eigenen Gesundheitszustand sehr gut bis gut bewertet haben. Es sind keine signifikanten Unterschiede in den Veränderungen des erfahrenen Gesundheitszustands zwischen den beiden Arten von Gemeinden erkennbar. Auffällig ist jedoch, dass das Angebot von Coffeeshops in Interventionskommunen, insbesondere bei Haschischprodukten und Konzentraten, regelmäßig sehr hohe THC-Raten aufweist. Dies hatte allerdings bisher keinen messbaren Einfluss auf die Gesundheit der Nutzer.
Im Rahmen des Experiments wurde der Prävention, unter anderem durch Verpackungsvorschriften, Informationen und Verpflichtungen für Coffeeshops, mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als es in normalen Coffee-Shops der Fall ist. Derzeit lassen sich jedoch noch keine Auswirkungen dieser Maßnahmen feststellen.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das Wietexperiment in den teilnehmenden Gemeinden gut von den Konsumenten angenommen wurde. Anfängliche Schwierigkeiten bei einzelnen Produkten wurden schnell überwunden und Konsumenten konnten erstmals getestete, saubere und legale Produkte kaufen. Auswirkungen auf den illegalen Markt sind bisher aufgrund des kurzen Zeitraums noch nicht festgestellt worden. Dennoch gilt auch in den Niederlanden, dass jedes legal erworbene Cannabis zu Lasten des Schwarzmarktes geht und somit keine Gewinne für Kriminelle generiert. Das Wietexperiment zeigt eindrucksvoll, dass Modellprojekte funktionieren und auch in Deutschland einen Beitrag leisten könnten, langfristig einen legalen, regulierten Markt für Konsumcannabis aufzubauen.


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