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Drogenbeauftragte weist DHV-Kritik zurück


Meldung des DHV vom 18. 6. 2008

Auf Abgeordnetenwatch hat sich die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing zu Vorwürfen des DHV geäußert. Demnach ist im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung kein Platz für Nichtregierungsprojekte, weil er “primär über die von den Bundesressorts getragenen Maßnahmen” berichtet, sowie “sekundär” über die Zusammenarbeit “dieser (Bundesressorts A.d.A.) mit Körperschaften des öffentlichen und privaten Rechts oder auch mit besonders engagierten Bürgern”.
Im Klartext heißt das: Erwähnenswert ist nur das, was wir bezahlen oder wie es im Amtsdeutsch so schön heißt “fördern”.

Alles nur ein Mißverständnis?

Zum Vorwurf, die im Suchtbericht veröffentlichte Zahl der Cannabismissbraucher sei innerhalb eines Jahres erheblich gestiegen, ohne dass Bätzing diese erstaunliche Entwicklung kommentiere, äußert sie sich wie folgt:

Sabine Bätzing, MdB SPD, Drogenbeauftragte der Bundesregierung seit 2005

“Das Problem dieses Vergleichs ist die Aussage “innerhalb nur eines Jahres”. Wer den im DSB 2008 enthaltenen Hinweis berücksichtigt, dass “detaillierte Angaben zu den genannten Studien (…) der REITOX-Bericht 2007 (enthält)” (DSB 2008, S. 74), der weiß, dass die mit dem Drogen- und Suchtbericht im Mai 2008 veröffentlichten Daten auf der Datenerhebung zum Epidemiologischen Suchtsurvey (ESA) von 2006 basieren und sich auf die Altersgruppe 18-64 Jahre beziehen, während die im DSB 2007 verwandte Datengrundlage sich auf das Erhebungsjahr 2000 sowie auf die Altersgruppe 18-59 Jahre bezieht. Mit dem bundesweiten Epidemiologischen Suchtsurvey werden durch das IFT München in regelmäßigen Abständen (…-2000-2003-2006-…) Daten zum Drogenkonsum erhoben, deren Auswertung jeweils zum Ende des Folgejahres (…2001-2004-2007…) veröffentlicht wird. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich der aktuelle Drogen- und Suchtbericht vom Mai 2008 bei Vergleichen der Prävalenzwerte ausdrücklich nicht auf einen Zeitraum “innerhalb nur eines Jahres” bezieht, sondern vielmehr betont: “Vergleiche der Prävalenzwerte zwischen 1997 und 2006 zeigen, dass der Anteil der Personen mit DSM-IV Missbrauchsdiagnosen gestiegen ist, während der Anteil der Personen mit Abhängigkeitsdiagnosen konstant blieb.” (DSB 2008, S. 74) Ein Vergleich der zitierten Zahlen des DSB 2007 mit dem DSB 2008 ist nur zulässig bei Berücksichtigung des Jahres der Datenerhebung für die angeführten Schätzungen.”Antwort von Sabine Bätzing auf Abgeordnetenwatch 17.06.2008

Dazu Steffen Geyer vom Deutschen Hanf Verband: “Die Drogenbeauftragte hat sich sichtlich Mühe gegeben, mich falsch zu verstehen. Wer die DHV-Meldung aufmerksam liest, versteht, dass sich die Formulierung “innerhalb eines Jahres” darauf bezieht, dass sich die Zahlen von einem Suchtbericht (2007) zum nächsten (2008) verändern, ohne dass die geänderte Datenbasis explizit genannt würde.
Zumindest bleibt unverständlich, warum im Drogen- und Suchtbericht 2007 Zahlen aus dem Jahr 2000 genannt wurden, wenn zu dem Zeitpunkt nach eigenen Angaben zumindest Daten von 2003 vorlagen.”

Zahl der Kiffer bleibt Bätzings Geheimnis

Die Antwort auf die Frage nach der Gesamtzahl der in Deutschland lebenden Cannabiskonsumenten bleibt Bätzing auch in ihrer Stellungnahme auf Abgeordnetenwatch schuldig. Sie wiederholt lediglich, was sich auch im Suchtbericht findet.

“Beim illegalen Drogenkonsum spielt Cannabis auch in Europa die Hauptrolle. Umfragen nach hat jeder fünfte europäische Erwachsene Cannabis probiert. 13 Millionen Europäer haben Cannabis im letzten Monat konsumiert.” (DSB 2008, S. 74) und ergänzend dazu “Der Epidemiologische Suchtsurvey von 2006 geht davon aus, dass in Deutschland insgesamt etwa 600.000 Personen zwischen 18 und 64 Jahren Cannabis entweder missbrauchen (380.000) oder von Cannabis abhängig sind (220.000)” (DSB 2008, Seite 74).”

Was ist es so schwer daran, zu sagen: “XXX Millionen Deutsche konsumieren Cannabis zumindest gelegentlich, XXX Millionen tun dies regelmäßig”? Warum diese Information im Gegensatz zu nahezu allen anderen im Suchtbericht erwähnten Substanzen ausgerechnet bei Cannabis, der mit Abstand am häufigsten Konsumierten illegalen Droge, seit 2004 nicht mehr erwähnt wird, bleibt mysteriös.

Ergänzende Stellungnahmen “nicht notwendig”

Weitere Vorwürfe des DHV, insbesondere eine lange Liste von Themen, die schlicht nicht erwähnt wurden, wischt Sabine Bätzing einfach vom Tisch, indem sie sich darauf zurückzieht, dass ihre Aufgabe sei, “die Arbeit der Bundesressorts gegenüber der Öffentlichkeit zu vertreten”. Für “ergänzenden Stellungnahmen” sieht sie “keine Notwendigkeit”. Dabei verkündet sie auf der Webseite des Bundesgesundheitsministeriums:

“Meine Aufgabe als Drogenbeauftragte der Bundesregierung liegt vor allem darin, den gesellschaftlichen und politischen Konsens zur Verringerung der Suchtproblematik zu fördern.”Die Aufgabe der Drogenbeauftragten der Bundesregierung

Wenn unzählige Tageszeitungen, Initiativen, Vereine und Suchthilfeprojekte sich mit dem Thema gesundheitsgefährdende Streckmittel in Cannbisprodukten beschäftigen und allein beim DHV-Protestmailer mehr als 1200 Menschen das Problem als eine massive Risikovergrößerung verstehen und per Email Aufklärung verlangen, wäre mehr als angebracht, wenn auch Sabine Bätzing sich dem “gesellschaftlichen und politischen Konsens zur Verringerung der Suchtproblematik” anschlösse und Begriffe wie Schadensminimierung (Harm Reduction), Qualitätskontrolle (DrugChecking) oder Safer Use im Drogenbericht zukünftig eine (größere) Rolle spielen.

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