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Cannabistherapie für Jugendliche auf dem Vormarsch?


Meldung des DHV vom 13. 12. 2007

Als in den 90er Jahren der Anteil der Jugendlichen, die Cannabis konsumieren, anstieg, erkannte die Politik, dass man für diese Gruppe nahezu keine spezifischen Beratungsangebote kannte. Viele Suchthilfeeinrichtungen konzentrierten sich damals auf die Behandlung von Opiat- und Alkoholabhängigen.
Ergebnis der fast verzweifelten Suche nach einer Therapie für junge Cannabisabhängige waren nicht nur spektakuläre Medienberichte a la “Die Seuche Cannabis”, sondern auch die beiden internationalen Projekte INCANT und “Realize It!”.

Die Seuche Cannabis - Spiegeltitel aus dem Jahr 2004Die Seuche Cannabis (Titelstory des Spiegel aus dem Jahr 2004)

Beiden gemeinsam sind die Suche nach einer wirksamen Therapie, die auf die Bedürfnisse Jugendlicher zugeschnitten ist, und die wissenschaftliche Begleitung durch die Berliner delphi-Gesellschaft für Forschung, Beratung und Projektentwicklung mbH.

INCANT – International Cannabis Need of Treatment

INCANT (International Cannabis Need of Treatment) ist ein Gemeinschaftsprojekt der Länder Belgien, Frankreich, Niederlande, Schweiz und Deutschland. Das Projekt versucht eine Cannabistherapie aus den USA zu adaptieren, die MDFT genannt wird.
Hinter dem Akronym verbirgt sich das Konzept der multidimensionalen Familientherapie. Diese besteht aus wöchentlichen Sitzungen, an denen die 13-18 jährigen Cannabiskonsumenten 4 bis 5 Monate teilnehmen. Regelmäßige Sitzungen, die auch die Eltern des Betroffenen einschließen, sowie im Bedarfsfall Hausbesuche oder Alltagsbegleitung sollen Jugendlichen helfen, ihr Suchtverhalten zu überwinden. In besonderen Fällen kommt ein Programm namens JUP (Jugendpsychotherapie) zum Einsatz, das die Behandlung auf maximal 9 Monate ausdehnt und sich noch stärker auf die Einzelbetreuung der Jugendlichen konzentriert.

Als INCANT im Oktober 2006 unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Sabine Bätzing (SPD) auch in Deutschland startete, wurde vereinbart, dass die Berliner Suchthilfeeinrichtung Therapieladen e.V. innerhalb von eineinhalb Jahren 120 Jugendliche behandelt. Obwohl Bätzing kaum eine Gelegenheit ausließ, für das Projekt zu werben, gelang es im ersten Jahr lediglich, 60 Jugendliche zu einer Teilnahme zu bewegen. Die Patienten sind größtenteils männlich und 16-17 Jahre alt.

Bätzing feiert Erfolg – Experten kritisch

In einer Presseerklärung von Anfang November feiern Sabine Bätzing und die Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara das Projekt dennoch als Erfolg, weil man bei den Patienten weitere psychologische bzw. soziale Störungen wie Ängste, Depressionen oder delinquentes Verhalten nachweisen konnte und dies die wissenschaftliche Bedeutung der Maßnahme erhöhe.
Am Erfolg des Programms wird indes nicht nur von Suchtexperten gezweifelt. So sei die Dauer der Maßnahme mit mindestens 4 Monaten zu lang. Außerdem kritisieren sie, dass nur eine Einrichtung in Deutschland an INCANT teilnehme und diese sich in Berlin befinde. Dass die Situation der Cannabiskonsumenten in der größten Stadt Deutschlands eine besondere ist, lässt manche an der Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf andere Regionen Europas zweifeln. Die wissenschaftliche Bewertung der Erfolge von INCANT steht noch aus.

Auch die Berliner Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) steht INCANT skeptisch gegenüber. Sie warb stattdessen in den vergangenen Monaten intensiv für das deutsch-schweizerische Cannabis-Beratungsprojekt “Realize It!”.

Lösungsorientierte Kurzintervention – “Realize It!”

Logo von Realize It!Logo von Realize It!

Realize It!” wendet sich ebenfalls an jungendliche Cannabiskonsumenten, bezieht aber auch junge Erwachsene bis 30 Jahre mit ein. Das Projekt wurde im September 2004 zunächst in je drei Suchthilfeeinrichtungen in der Nordschweiz und Süddeutschland gestartet.
Anders als INCANT wendet sich “Realize It!” konzeptionell an Konsumenten, die bereits den Entschluss gefasst haben, ihren Konsum zu reduzieren oder vollständig einzustellen. Dank “Motivational Interviewing” und “lösungsorientierter Kurzintervention” will das Projekt erreichen, dass die Patienten bereits nach nur zehn Wochen ihre individuellen Therapieziele erreichen. Dabei sind lediglich 5 Einzelsitzungen und eine Gruppensitzung pro Patient vorgesehen.

Interessant ist “Realize It!” vor allem deshalb, weil mit der Wahl der Nordschweiz (Raum Basel) und Süddeutschlands nebenbei auch der Einfluss unterschiedlich restriktiver Drogenpolitik auf den Behandlungserfolg ermittelt werden sollte. Dieser Nebeneffekt der Studie trat jedoch nicht so ein, wie geplant.
So scheiterten die Versuche, das Betäubungsmittelgesetz der Schweiz zu ändern und die Auswirkung einer liberaleren Cannabispolitik konnten nicht gemessen werden. Andererseits zeigte sich gerade in Deutschland, dass die hier mehrheitlich von Gerichten, Lehrern oder Erziehungsberechtigten zur Teilnahme gedrängten Jugendlichen weit weniger behandlungswillig waren als für das Projekt benötigt. Die Abbrecherquote von etwa 40 Prozent erklärt die Universität Fribourg deshalb auch damit, dass viele der zu “Realize It!” Gezwungenen schlicht “gar kein Problem mit ihrem Konsum oder dringendere andere Probleme” hatten.

Dennoch war und ist “Realize It!” ein erfolgreiches Programm. Insbesondere der überschaubare Zeitrahmen der Maßnahme half dabei, Jugendliche zur Therapie zu motivieren. Wenn die Teilnahme wie im Konzept vorgesehen freiwillig erfolgte, konnten die rund 300 Patienten der sechs zu Beginn beteiligten Einrichtungen ihren Cannabiskonsum im Schnitt halbieren.

Gerichte schaffen künstlichen Behandlungsbedarf

Die hohe Erfolgsquote des “Realize It!”- Projekts führte schon früh dazu, dass eine Ausweitung auf eine größere Anzahl Einrichtungen und Patienten gefordert wurde. Von der Politik unterstützt wurde dieses Ansinnen jedoch erst, als die Nachfrage nach Cannabistherapien für Jugendliche massiv Anstieg.
Die Zunahme des “Behandlungsbedarfs” erklärt sich dabei in erster Linie damit, dass die Gerichte großflächig dazu übergingen, selbst einfachste BtM-Verfahren bei Jugendlichen nur dann einzustellen, wenn die Täter eine Cannabistherapie machen. Allzu oft wurde so der Grundsatz “Therapie statt Strafe” pervertiert und manch erfolgversprechendes Behandlungsangebot von den jungen Tätern unter dem Motto “Therapie als Strafe” bereits im Vorfeld abgelehnt.

Cannabiskritiker begründen die hohen Cannabistherapie-Fallzahlen gern mit der hohen Verbreitung des Konsums unter Jugendlichen. Dabei ist der Zusammenhang mit der sogenannten “Geringen Menge” mehr als auffällig. Nach dem einschlägigen Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 1994 stieg die Nachfrage nach ambulanter Suchtbehandlung durch Cannabiskonsumenten innerhalb von nur zehn Jahren um 1039 Prozent (Quelle: DSHS 2006 PDF)!
Gleichzeitig ist laut aktuellem Jahresbericht der EMCDDA die 12-Monats-Prävalenz für den Konsum von Cannabis unter jungen Erwachsenen (16 bis 34 Jahre) seit 1998 stabil und zwischen 2003 und 2006 sogar zurückgegangen (von 20 Prozent auf 16,3 Prozent). Interessanterweise wurde in der jüngsten Altersgruppe (16 bis 24 Jahre) seit 1998 ein kontinuierlicher Rückgang verzeichnet. Dies lässt darauf schließen, dass Cannabis bei jungen Menschen an Beliebtheit verloren hat.

Deutsche Justiz auf Cannabistherapie fixiert

Den dramatischen Anstieg der Nachfrage nach Behandlungsangeboten durch Jugendlich kann man also nicht mit der Verbreitung des Cannabiskonsums erklären! Vielmehr ist sie Zeichen der Fixierung von Justiz und Politik auf jugendliche Konsumenten. Eine Unterscheidung zwischen dem kleinen Teil mit riskantem Cannabiskonsum und der überwältigenden Mehrheit mit unproblematischen Konsummustern findet vor Gericht nicht statt.

Die einseitige Wahrnehmung von Problemkonsumenten ging in den vergangenen Jahren so weit, dass sich sogar die Projektleitung von “Realize It!” gezwungen sah, in ihrer Projektbeschreibung darauf hinzuweisen, dass “dem aktuellen Forschungsstand entsprechend davon ausgegangen werden kann, dass die überwiegende Mehrzahl aller Cannabiskonsumentinnen und -konsumenten einen experimentellen oder eher gelegentlichen Konsum betreibt, ohne dass hierbei gesundheitsrelevante Probleme entstehen.”

Gerade solch nüchtern sachlichen Aussagen verdankt “Realize It!” seine hohe Akzeptanz unter den Patienten und damit den therapeutischen Erfolg. Dennoch läuft das Projekt Gefahr, von der Politik instrumentalisiert zu werden.
So wurde die Ausweitung des Projekts auf alle Berliner Drogenberatungsstellen von der Presse gefeiert, obwohl dafür vom Senat für drei Jahre lediglich 67.000 Euro zur Verfügung gestellt werden. Wie gering die Summe, mit der die Ausbildung weiterer “Cannabis-Ausstiegsexperten” finanziert werden soll, in Wirklichkeit ist, merkt man, wenn man sich die Ausgaben der Stadt für Repressionsmaßnahmen ins Gedächtnis ruft. Allein die polizeiliche “Betreuung” der Legalisierungsdemonstration Hanfparade kostet die Stadt mehr als 100.000 Euro pro Jahr.

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