Tod durch Cannabis? - Eine kritische Betrachtung

  • Veröffentlicht am: 27. Februar 2014 - 13:19
  • Von: Maximilian Plenert
 

Am 25.2.2014 erschien in der Rheinischen Post der Artikel „Cannabis erstmals als Todesursache nachgewiesen“. Darin wird Dr. Benno Hartung, Rechtsmediziner und Mitautor des zugrundeliegenden Fallberichts, der in der Fachzeitschrift "Forensic Science International" erschienen ist, mit den Worten zitiert: "Nach unserem Wissen sind das weltweit die ersten Cannabis-Todesfälle, die komplett nach den heutigen wissenschaftlichen Standards aufgearbeitet wurden". Zu diesem Ergebnis kamen er und seine Kollegen, nachdem sie THC im Blut der Toten gefunden hatten und ihrer Meinung nach alle anderen möglichen Ursachen ausgeschlossen hatten. Das Medienecho auf diese Meldung ist enorm, sie findet auch international Beachtung. Bei näherer Betrachtung ist der vermeintliche Beweis keiner und auch die Neuigkeit ist keine.

Die Studie kann aus mehreren Blickwinkeln betrachtet werden. Neben einer Kritik an der Studie selbst kann auch das vermeintlich gefundene Risiko in der Gesamtdebatte betrachtet werden.

1. Kritik an der Studie selbst

Die Untersuchung von Hartung und Kollegen weist viele Schwächen auf. Insbesondere die Vorgehensweise "Wir haben alles andere ausgeschlossen, darum muss es Cannabis sein“ ist fragwürdig. Zudem litt beispielsweise einer der Toten an einer hypertrophen Kardiomyopathie. Plötzliche Todesfällen von Menschen unter 35 Jahren sind häufig auf Sport und eine unbemerkte Hypertrophe Kardiomyopathie zurückzuführen. Wir werden Herrn Hartung in einer Mail um Stellungnahme zu den von uns und anderen genannten Punkten bitten.

Dr. med. Franjo Grotenhermen (Arbeitsgemeinschaft für Cannabis): „Meistens findet man bei plötzlichem Herztod keine Ursache, und wenn man jetzt bei Betroffenen THC findet, dann sagt das ja über die Ursache nichts aus.“

In der ZEIT haben sich bereit Michael Tsokos, Leiter der Rechtsmedizin an der Berliner Charité, Frank Mußhoff vom Forensisch Toxikoloischen Centrum München und Prof. Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters zu Wort gemeldet.

Zur Frage der ZEIT: "Belegen die ausführlichen Obduktionsergebnisse der beiden Männer nun, dass sie am Hasch starben?“ sagte Tsokos: „Die einzelnen Befunde stützen das nicht". "Aus ihnen geht hervor, dass der 23-jährige Verstorbene schwer am Herzen vorerkrankt war. Hätte er nicht zufällig am Tag vor seinem Tod Cannabis geraucht, wäre ein Zusammenhang mit seinem Tod gar nicht hergestellt worden. [...] Fälle, in denen die Todesursache unklar ist, haben wir vereinzelt immer wieder. Cannabis als Ursache zu vermuten, ist für mich eine Verlegenheitsdiagnose." Tsokos betont: "Hier geht es um Koinzidenz und nicht um Kausalität."

Mußhoff wird mit folgenden Worten zitiert: "Da nach den Analysen nichts anderes mehr auftauchte, haben sich Hartung und sein Team auf Cannabis verstiegen". Er weist auch auf die niedrigen THC- und THCOOH-Werte im Blut der Toten hin. Diese sprechen gegen eine aktuelle Rauschwirkung.

Prof. Rainer Thomasius, den niemand der Cannabisliebe verdächtigen würde, sagte: "Menschen mit Herzschäden, Blutfettstoffwechselstörungen oder Gefäßerkrankungen haben ein erhöhtes Infarktrisiko, wenn sie Cannabis konsumieren [..] Das ist aber keine neue Erkenntnis. [...] Das betrifft aber nur einen Bruchteil von Menschen und ist sehr selten"

Der ehemalige oberste Drogenberater der britischen Regierung Prof. David Nutt hatte sich jüngst in einem ähnlichen Falls zu einer "Cannabistoten" in Großbritannien geäußert.

2. “Wie gefährlich ist Cannabis?” ist nicht die entscheidende Frage

Dr. Raphael Gaßmann sagte bei der “Cannabis Social Clubs” Anhörung im  Bundestag hierzu:

“Aus Sicht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen ist die entscheidende Frage nicht, ob Cannabiskonsum abhängig machen kann und ob es schädlich ist. Die entscheidende Frage ist die des Cannabisverbots. Nutzt das Cannabisverbot im positiven Sinne? Bewirkt das Verbot, dass weniger Menschen Cannabis konsumieren und dass jene, die Cannabis konsumieren, auf Grund des Verbots weniger konsumieren. Das ist die entscheidende Frage und nicht die Frage, ob Cannabis abhängig machen kann.”

Insbesondere wenn es sich um sehr seltene Probleme handelt, wie in diesem Fall oder auch das angeblich um 70 % gestiegene Hodenkrebsrisiko bei 7 Hodenkrebsfällen pro 100.000 Männer pro Jahr.

3. Cannabis kann zu gesundheitlichen Schäden führen

Der Konsum von Cannabis, insbesondere geraucht und mit Tabak, kann zu gesundheitlichen Probleme führen. Insbesondere Schwangere, Menschen mit Schizophrenie oder Herzproblemen sollten generell vorsichtig sein. Cannabis, insbesondere geraucht und mit Tabak, erhöht die Herzfrequenz und das kann im ungünstigsten Fall tödlich sein. Bei unbemerkten Vorerkrankungen ist dies ein nicht vermeidbares Risiko.

Gleichwohl ist dieses Risiko auch bei anderen Handlungen, die zu Herzrasen führen, gegeben, z.B. Sex, Sport, Saunagänge, Horrorfilme, Streitigkeiten, Besuche beim Jobcenter, Mobbing, gefährliche Situationen im Verkehr oder die Lektüre der Rheinzeitung zum Thema Cannabistote.

Wenn man genug Personen über einen ausreichend langen Zeitraum beobachtet, stirbt auch jemand, z.b. ist 1 Toter pro Berlinmarathon normal.

Damit ist diese Aussage von Hartung eine Nullaussage: "Das Problem ist: Wir können nicht abschätzen, wer die Herzrhythmusstörungen bekommt. Wir gehen jedoch davon aus, dass es theoretisch jeden Cannabis-Konsumenten treffen kann, auch wenn er vorher schon einmal gekifft hat, ohne dass er Symptome entwickelt hat."

In den Aussagen von Hartung ist erkennbar, dass er mit seiner Untersuchung dringend etwas finden wollte, um einer angeblichen Verharmlosung von Cannabis entgegenzuwirken: "Bislang hieß es häufig, Cannabis könne nichts anrichten". Cannabis werde allgemein als Droge mit "euphorisierendem Effekt ohne Nebenwirkungen“ wahrgenommen.

Er kritisiert in seinem Artikel "little public awareness of the potentially hazardous cardiovascular effects associated with the consumption of cannabis" – angesichts des relativen Risikos ist dies jedoch angebracht.

Zur Höhe des Risikos im Vergleich zu anderen Substanzen sagte Dr. Grotenhermen. „Wenn man über jedes Medikament sagen könnte, nachdem man es jahrzehntelang verwendet hat, ‚wir haben jetzt die ersten beiden Todesfälle ausgewiesen’, dann sollte man eigentlich total begeistert sein“, erklärt der Experte. „Das werden Sie bei kaum einem Medikament finden.“

4. Politische Wirkung

Politisch ist diese Studie Wasser auf die Mühlen der „Cannabis ist gefährlich“ Fraktion. Wie schon bei der „Kiffen macht dumm“-Studie wird bei ihnen sowie in der Öffentlichkeit nur die erste Überschrift im Gedächtnis bleiben, jede noch so fundierte Kritik wird kaum abgedruckt und beachtet werden. Damit hat Hartung vielleicht mutwillig, aber zumindest fahrlässig zu einer Verunsachlichung der Debatte beigetragen.

Zur Motivation von Hartung können wir nur spekulieren. Vielleicht war es schlicht wissenschaftliche Neugier. Allerdings konnten die Wissenschaftler ahnen – auch aufgrund von Erfahrungen ihrer Kollegen, die sich mit ähnlichen Fällen befasst hatten – welche Medienresonanz ihre These erzeugen würde. Der Wunsch, groß in die Öffentlichkeit zu kommen, wäre damit eine mögliche Motivation. Der Effekt auf die politische Debatte und die Verortung ihrerselbst ist klar. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Artikel  „Von Hanf ist die Rede - Anmerkungen zum wissenschaftlichen und politischen Diskussionsstand in Deutschland“ hinweisen, in dem skizziert wird, wie sich einige Forscher in der Vergangenheit mit großen „Cannabis ist gefährlich“ Studien produzierten und damit zu Kronzeugen der Prohibition aufgeschwungen haben.

Zur Dynamik der Medien bei solchen Medien siehe:  So kommen Meldungen wie “Cannabis macht dumm” zustande.

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