Legalisierung könnte einen Wirtschaftsboom auslösen

Das Deutschlandradio Kultur analysiert die Situation rund um Cannabis in Berlin, die Null-Toleranz-Zone im Görlitzer Park und die international wachsende Debatte über die Legalisierung von Cannabis. Auch beim DHV wurde nachgefragt:

Die Gesamtzahl der Deutschen im Erwerbsalter, die im letzten Jahr Cannabis konsumiert haben, schätzen die Institute auf 2,5 Millionen Menschen, etwa doppelt so viele Männer wie Frauen.

"Da sind auch Leute bei, die nur ein Mal letztes Silvester einen Joint geraucht haben, und da sind auch die bei, die jeden Tag drei Gramm rauchen."

Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband, der sich für die Legalisierung von Cannabis in Deutschland einsetzt, hat berechnet, welche Mengen in Deutschland konsumiert werden und einen Verbrauchskorridor von 200 bis 400 Tonnen Cannabis pro Jahr ermittelt.

Bei einem geschätzten durchschnittlichen Verkaufswert von sechs Euro pro Gramm ergibt das einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden bis 2,4 Milliarden Euro. Das ist recht nahe an den Umsatzschätzungen der Vereinten Nationen. Und mehr, als die Bundesregierung für ihre Kulturpolitik ausgibt.

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"Natürlich haben wir erstmal 19 Prozent Umsatzsteuer, dann könnte man noch eine extra Cannabissteuer erheben, dass es insgesamt 50 Prozent bis hundert Prozent Steueraufschlag sind. Das würde diesem Preisverfall im Verlauf der Legalisierung entgegenwirken, damit das Zeug nicht zu günstig wird."

Maximilian Plenert ist Sprecher des Bundesnetzwerks Drogenpolitik bei Bündnis 90/Die Grünen und Mitarbeiter beim Deutschen Hanf-Verband. Nach seinen Berechnungen könnte der Staat im Falle einer Legalisierung etwa eine Milliarde Euro durch Steuereinnahmen auf Cannabis generieren.

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Nach US-amerikanischem Vorbild sollen in der Kreuzberger Cannabis-Abgabestelle speziell geschulte Mitarbeiter arbeiten, die Käufer auch auf Risiken hinweisen sollen. Das entspricht in etwa dem, was der Deutsche Hanfverband fordert.

"Wir wollen Fachgeschäfte haben wie in Colorado auch, dass es nur bestimmte Shops gibt, wo Cannabis verkauft wird und nicht wie bei Zigaretten und Alkohol in jedem Supermarkt, an jeder Tankstelle man das unter die Nase gerieben kriegt. Auch im Hinblick auf mögliche Suchtgefahren: Es soll ne bewusste Entscheidung sein. Und die Leute sollen sagen, okay, ich kauf jetzt ne Droge, und das ist für mich auch in Ordnung, aber ich gehe dafür auch in einen speziellen Shop."

Bundesweit beziffert der Deutsche Hanfverband den Bedarf auf 3000 Cannabis-Shops mit durchschnittlich fünf Angestellten. Die Mitarbeiter sollen speziell geschult sein, die auch über Risiken der Droge aufklären können. Kontrollierte Qualität im heimischen Anbau, Lebensmittelkontrollen, die gefährliche Streckmittel identifizieren würden, sogar ein Bio-Siegel wäre denkbar. Geschäftsführer Georg Wurth plädiert jedoch dafür...

"....nicht nur in Deutschland angebautes Cannabis zu nehmen, sondern auch den traditionellen Anbauländern eine Chance zu geben. Wie Afghanistan, Marokko, die es auch seit Jahrtausenden machen und auch gute Qualität erzeugen. Und ja auch diese Sorten alle unterschiedlich schmecken und wirken und sich anfühlen. Das ist auch ein Teil Kultur, die man nicht über Bord werfen sollte."

Im US-Bundesstaat Colorado mit seinen fünf Millionen Einwohnern sind seit der Legalisierung angeblich rund 10.000 Arbeitsplätze in der Cannabis-Industrie entstanden. Auf Deutschland umgerechnet würden diese Zahlen bedeuten, dass mit 150.000 Arbeitsplätzen in der Drogenindustrie zu rechnen wäre. Wie in den USA sollten nach den Vorstellungen des Hanf-Verbands alle Arbeiter eine spezielle Lizenz erhalten. Um auszuschließen, dass Kriminelle den Arbeitsmarkt unterwandern, sollten sie polizeilich überprüft werden. Hier würde sowieso eine ganz andere Klientel zum Zuge kommen, glaubt Georg Wurth vom Hanfverband. Denn es seien auch neue Kompetenzen gefragt.

"Wer im jetzigen Schwarzmarkt erfolgreicher Unternehmer ist, der muss eben nicht nur anbauen können, der muss auch verstecken können, intrigieren können, der muss Konflikte auf andere Art lösen können als mit Recht und Gesetz. Im legalen Markt wird es viel mehr um Marketing gehen, da muss man eben auch vernünftig Buchführung machen können, da muss man eine Steuererklärung vernünftig machen können, mit Behörden umgehen. Also ganz normaler Markteilnehmer sein."

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Maximilian Plenert: "Cannabis macht halt den Großanteil aus. Da ist auch ein großer Anteil die konsumbezogenen Delikte, wo es gar nicht um Handel geht. Da könnte man denken, das sind doch sehr günstige Fälle, wo der Polizist nur ne Strafanzeige schreibt und die Sache im Zweifelsfall sogar relativ schnell eingestellt wird. Aber selbst bei diesen konsumbezogenen Delikten sind auch Großrazzien dabei, wo mal ne Hundertschaft ne Diskothek stürmt. Wenn man teilweise in der Zeitung liest: Hier Sondereinsatzkommando, 30 Wohnungen durchsucht und dann wurden nur paar Gramm gefunden. Das sind auch nur Besitzdelikte, obwohl das ein gigantischer Personalaufwand ist. Grad Telefonüberwachung ist ne richtig teure Sache und wird teilweise bis zur Ebene des kleinen Konsumenten angewendet."

Im Fall einer Legalisierung könnte man hier hohe Summen einsparen, glaubt Hanfverbandschef Georg Wurth.

"Über den ganzen Apparat hinweg würde ich doch sagen, dass mindestens 80 Prozent der Kosten wegfallen."

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"Wenn wir jetzt Steuereinnahmen auf Cannabiskonsum – davon Stellen schaffen könnten in den Beratungseinrichtungen: das wäre wunderbar. Da hätten wir einen Frühinterventions- und Präventionsansatz, den gibt es bisher nicht, der ist erfolgreich, der ist sinnvoll und viele Eltern wären erleichtert und würden sich freuen."

Auch Maximilian Plenert von den Grünen weiß bereits, wofür er die zusätzlichen Einnahmen verwenden würde.

"Wenn wir eine Milliarde nehmen würden und würden die sagen, wir stecken das komplett in Suchtprävention: Das wäre eine halbe Stelle an jeder Schule in Deutschland einer speziell geschulten Fachkraft. Ich glaube, das wäre Prävention in einem Maßstab, die wirken könnte."
Datum: 
Dienstag, 18. August 2015

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