Nationaler Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige

  • Veröffentlicht am: 22. Juli 2014 - 9:19
  • Von: Florian Rister
 

Wie jedes Jahr fand am 21. Juli der nationale Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher statt. Auch wenn Hanfkonsumenten damit scheinbar nichts zu tun haben, ist es doch wichtig seine Solidarität und sein Mitgefühl für diejenigen zu zeigen, die trotz oder wegen bestehender Drogenverbote verstorben sind.


Der alternative Drogen- und Suchtbericht hatte bereits darauf hingewiesen: Eine falsche Drogenpolitik ist tödlich. Viele der Drogentoten in Deutschland könnten heute noch leben, wenn der Staat nicht ihre Abstinenz von illegalisierten Drogen sondern ihr Überleben in den Mittelpunkt seiner Bemühungen stellen würde. So treten bei anderen illegalisierten Substanzen die negativen Folgen des Verbots noch viel drastischer zu Tage, als bei Cannabis.

Deswegen waren die beiden DHV Mitarbeiter Maximilian Plenert und Florian Rister in diesem Jahr in Berlin vor Ort bei der Gedenkveranstaltung dabei, um ihre Solidarität zu signalisieren. Beide haben einen eigenen Bezug zur Thematik: Max ist Vorstandsmitglied des akzept e.V.  und Flo war lange Zeit Mitarbeiter in einem Kontaktladen der Aids-Hilfe Marburg.

Auch der neue Praktikant Rüdiger konnte dabei seinen ersten Außeneinsatz absolvieren.

 

Maximilian Plenert und Dat Mudi

Nach einigen kurzen Reden und dem Steigen lassen von Helium gefüllten Ballons ging die zweistündige Veranstaltung mit Kuchen und interessanten Gesprächen zu Ende. Hier die offizielle Pressemitteilung zum deutschlandweiten Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige:


In Deutschland war 2013 mit 1002 Verstorbenen erstmals seit einigen Jahren wieder ein Anstieg der Zahl von Drogentoten zu beklagen. Dies nehmen wir zum Anlass, drei wichtige Instrumente im Kampf gegen den Drogentod und für ein menschenwürdiges Überleben zu benennen:

Die Drogenkonsumräume

Noch immer sträubt sich etwa Bayern dagegen, Drogenabhängigen in Konsumräumen die Möglichkeit zum hygienischen Konsum in einem geschützten und medizinisch betreuten Umfeld zu ermöglichen. Ausgerechnet dieses Bundesland zeichnet sich allerdings durch die höchste Zahl an Drogentoten negativ aus. Wir fordern daher, entsprechende Angebote in Deutschland flächendeckend umzusetzen. Es geht dort nicht allein um den Konsumvorgang: Im Konsumraum können sterile Spritzen gegen gebrauchte eingetauscht werden, eine wichtige Maßnahme zum Schutz vor Infektionskrankheiten wie HIV und Hepatitis. Des weiteren ergibt sich dort oftmals ein erster Kontakt zum Drogenhilfesystem. Wir fordern ausdrücklich eine Öffnung dieser Einrichtungen auch für Substituierte und Auswärtige! Angesichts der Tatsache, dass die im Konsumraum konsumierten Drogen heute vom Schwarzmarkt stammen, wäre zudem das Drugchecking, also das Testen der Drogen auf schädliche Verunreinigungen, sicher eine sinnvolle Möglichkeit und sollte daher gesetzlich ermöglicht werden.

Die Substitution

Derzeit sicher das wichtigste Instrument der Drogenhilfe. Aber auch hier gilt: Bestimmte Teile des Landes hinken hinterher. Zudem scheinen übermäßige Bürokratie und Rechtsunsicherheit substituierende Mediziner abzuschrecken: Die Substitutionspraxen werden bedenklich weniger, insbesondere auf dem Land. Es wäre außerdem Zeit für eine Normalisierung der Verschreibungsverordnung, nach der eine Mitnahme des Medikaments auf eine Höchstdauer von einer Woche begrenzt ist. Genauso lange, wie Substitutionsmittel derzeit beim Urlaub innerhalb Deutschlands vom Arzt maximal mitzugeben sind. Ein Maximum von vier Wochen wäre hier praxisgerechter. In den Kanon der üblichen Substitutionsmittel muss ausdrücklich noch das Diamorphin, also medizinisches Heroin, aufgenommen werden. Leider ist man hier kaum über das Ausmaß der H-Vergabestellen im Rahmen des Heroinprojekts hinaus gekommen. Dezentrale Lösungen in Arztpraxen wären für die Diamorphin-Medikation sicher der bessere Weg. Außerdem sollte die Möglichkeit eröffnet werden, Heroin auch in Tablettenform zur Substitutionsbehandlung zuzulassen sowie retardiertes Morphin.

Das Naloxon

Das Gegenmittel bei Opiatvergiftung. Naloxon rettet also Leben, ganz unmittelbar! Dennoch ist es nur wenigen Drogengebrauchern bekannt und kaum einem von ihnen – oder ihren Angehörigen – derzeit zugänglich. Dies gilt es zu ändern! Überall dort, wo eine Überdosis denkbar ist, sollte Naloxon im Notfall schnell verfügbar sein. Ganz leicht verabreicht werden kann es dann von Dritten etwa durch einen Zerstäuber, eine Art Nasenspray.Als Medikament findet Naloxon allein bei Optiat-Überdosierung Verwendung und ist, zumal keinerlei Missbrauchspotential besteht, aus medizinischer Sicht als unproblematisch einzustufen. Bei nicht-Opiatkonsumenten bleibt Naloxon also ohne jede Wirkung. Wir fordern daher, das Medikament Naloxon von der Rezeptpflicht zu befreien, um den Zugang zu diesem höchst effektiven Gegenmittel zu erleichtern.

Grundsätzliche Kritik am Betäubungsmittelgesetz (BtmG) meldeten erst kürzlich 120 Juraprofessoren an. Denn ohne die Drogen-Prohibition wären wohl nicht wenige der heutigen Notmaßnahmen gar nicht erst nötig. Wir schließen uns deshalb der Forderung an, eine Enquete-Kommission beim Bundestag zur Überprüfung des BtmG einzurichten.

Wo Leben ist, da ist Hoffnung – und unser allererstes Ziel in der Drogenpolitik sollte darin bestehen, diese Hoffnung am Leben zu erhalten, indem wir die Abhängigen am Leben halten!” – -Heath Brook, Australien

Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit e.V.
JES (Junkies – Ehemalige – Substituierte) Bundesverband
Landesverband JES NRW e.V.
DAH Deutsche AIDS-Hilfe e.V.
akzept e.V.- Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik
AST e.V. AntiSTigma – Aktion gegen die Diskriminierung suchtkranker Menschen

Verantwortlich: Jürgen Heimchen, Ravensberger Str. 44, 42117 Wuppertal , Tel. 0202-423519

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