Experten fordern Legalisierung, Prohibition teuer und unwirksam

  • Veröffentlicht am: 20. Dezember 2007 - 13:31
  • Von: deradmin

Meldung des DHV vom 20. 12. 2007

In der Diskussion um eine Legalisierung von Haschisch und Marihuana wird von den Verfechtern des Hanfverbots oft so getan, als würden sich nur cannabissüchtige Einzelgänger für eine Freigabe des Rauschmittels einsetzen.
Dabei äußern viele Politiker, Ärzte, Wissenschaftler, Polizisten oder Justizbeamte Kritik an der Cannabisprohibition. Ein Polizeichef in Wales forderte jüngst sogar die Legalisierung aller Drogen!

In aller Welt wächst der Widerstand gegen das Verbot der Nutzung von Cannabis als Rohstoff, Medizin und Genussmittel. Längst sind die Fürsprecher in allen Teilen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu finden. Gerade in den letzten Monaten haben sich immer wieder hochrangige Experten zur Legalisierung von Cannabis bekannt und die Ergebnisse des inzwischen fast 50 Jahre andauernden "Kriegs gegen Drogen" kritisiert.

Krieg gegen Cannabis kostet USA 41 Milliarden im Jahr

Danach kostet die Verfolgung von Cannabiskonsumenten allein in den USA mehr als 41 Milliarden Dollar pro Jahr, ohne dass eine Abnahme des Konsums erreicht worden wäre. Zu diesem Ergebnis kam Jon Gettman bei der Auswertung der amtlichen Zahlen über Sicherstellungen, Preisen und Verhaftungen im Zusammenhang mit Cannabis. Die jährlich rund 800.000 Cannabisverfahren kosten die USA bereits mehr als 10 Milliarden Dollar. Dazu kommen gut 30 Milliarden Dollar entgangene Steuereinnahmen.
Einen nachweisbaren Effekt auf den Markt haben die immensen Ausgaben der US-Regierung jedoch nicht. Mit rund 14.000 Tonnen ist der illegale Cannabismarkt sogar etwas größer, als bei Inkrafttreten des Verbots 1937.

Legalisierte man Cannabis, könnte es mit geschätzten 113 Milliarden Dollar die umsatzstärkste Feldfrucht der USA sein und würde zehntausende Arbeitsplätze schaffen.

530 Wirtschaftswissenschaftler, darunter drei Nobelpreisträger forderten deshalb in einem offenen Brief an Präsident Bush, eine "offene und ehrliche Debatte über die Marihuana-Prohibition" zu führen. Auch der US-Präsidentschaftskandidat Ronald Ernest "Ron" Paul fordert im Gegensatz zur Mehrheit seiner Partei, den Republikanern unter George W. Bush, die Legalisierung von Marihuana und als ersten Schritt, seine Freigabe als Medizin.

Der Bürgermeister von San Francisco Gavin Newsom formulierte es Anfang Dezember noch etwas drastischer. Nach seiner Überzeugung ist die Drogenpolitik der USA sogar kontraproduktiv. Als er bei einer Pressekonferenz danach gefragt wurde, sagte er:

"Wenn Sie ernsthaft etwas erreichen wollen, wenn Sie die Kriminalitätsrate dieser Stadt über Nacht um 70 Prozent senken wollen, dann beenden Sie den 'Krieg gegen Drogen'. Sie wollen ernsthaft etwas tun, wirklich ernsthaft aktiv werden gegen Kriminalität und Gewalt? Dann beenden Sie den 'Krieg gegen Drogen'!
Es ist lächerlich anzunehmen, dass sich irgendjemand in der heutigen Situation ins Gesicht sehen kann und dabei ohne zu Lachen sagt 'Oh ja, wir sind wirklich dabei diesen Krieg zu gewinnen'."

Sein Polizeichef stimmte ihm zu und erklärte, dass zwischen 60 Prozent und 75 Prozent der Insassen in den städtischen Gefängnissen wegen Drogendelikten einsitzen.

Polizeichef fordert Entkriminalisierung aller Drogen

Richard Brunstrom, Chef der Polizei von Nord-WalesRichard Brunstrom, Chef der Polizei von Nord-Wales

Auch in Europa werden mehr und mehr "seriöse" Stimmen laut, die eine Wende in der Drogenpolitik fordern. Richard Brunstrom, Chef der Polizei von Nord-Wales, fordert sogar eine Freigabe aller Drogen. In einem Bericht unter dem Titel " Drugs Policy - A radical look ahead?" kritisierte er die neue Drogenstrategie der Regierung mit den Worten:

"Wenn Großbritannien wirklich eine radikal auf Fakten basierende Strategie möchte, dann muss die gegenwärtige 'Krieg gegen Drogen'-Politik aufgegeben werden, muss das Drogenmissbrauchsgesetz von 1971 durch ein neues Substanzmissbrauchsgesetz ersetzt werden, welches auf die Legalisierung sowie vorsichtige und gleichbleibende Regulierung aller missbrauchten Substanzen aufbaut. Dieses neue Gesetz muss als Kern die Philosophie der objektiv festgestellten Schädlichkeitsbewertung und der Schadensminimierung haben."

Brunstrom machte mit dieser Aussage nicht nur international Schlagzeilen, sondern konnte auch bei seinen Kollegen Zustimmung ernten. So beschloss die Polizeibehörde von Nord-Wales, dem Vorschlag Brunstroms zu folgen und sich für eine Überarbeitung des "Misuse of Drugs Act" von 1971 einzusetzen. In seiner neuen Form soll das Gesetz auf eine "Schadenshierarchie" aufbauen und auch Nikotin und Alkohol enthalten.

Ein ehemaliger Gefängnisdirektor, Lord David Ramsbotham unterstützt die Forderungen Brunstroms ebenfalls. Er sagte der Zeitung Independent:

"Die derzeitige Politik ist in jeder Hinsicht gescheitert. Sehen Sie sich die Alkoholprohibition in den Vereinigten Staaten an - sie ist ebenfalls gescheitert. Die Vorschläge des Polizeichefs müssen ernst genommen werden!"

Forscher kritisieren Diskussion über Gefahren von Cannabis

Anfang November veröffentlichten Louisa Degenhardt vom National Drug and Alcohol Research Centre an der University of New South Wales in Sydney, Wayne Hall von der University of Queensland und weitere Australische Forscher, die sich mit Cannabis beschäftigen, einen offenen Brief, in dem sie einen Leitartikel der Zeitschrift Lancet kritisierten. Dieser hatte die 2004 in Großbritannien erfolgte Neueinstufung von Cannabis in die Klasse der Drogen mit niedriger Polizeipriorität unter Hinweis auf mögliche Psychoserisiken diskutiert.
Die Forscher wehrten sich insbesondere gegen die im Artikel geäußerte Annahme, dass strengere Strafen den Konsum verringern würden.

"Eine bessere Erforschung des Nutzens (oder seines Fehlens) verstärkter Strafen auf Konsum und gesundheitliche Folgen ist notwendig. Die britische Gesellschaft wäre schlecht beraten, ginge sie davon aus, dass die durch den Cannabiskonsum verursachten Gesundheitsprobleme durch einem Hieb mit der gesetzlichen Keule gelöst werden könnten."

Die kritischen Forscher befürchten, dass durch die einseitige Diskussion über die objektiv extrem seltene Verknüpfung von Cannabis und Psychosen, andere weit verbreitete Gesundheitsrisiken in den Hintergrund gedrängt werden.

Schweizer Suchexperten für Legalisierung

Ebenfalls für eine Legalisierung aller Drogen sprachen sich Suchtexperten aus der Schweiz aus. In einer gemeinsamen Erklärung des Fachverbandes Sucht, der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin ( SSAM) und des Groupement Romand d`Etudes des Addictions ( GREA) forderten sie die Regelung des Zugangs zu Rauschmitteln entsprechend ihrer Gefährlichkeit. Dabei seien "die grundsätzliche Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger ebenso zu respektieren wie die gesellschaftlichen Bedürfnisse nach Sicherheit und Ordnung".

Die bisherige Aufteilung in legale und verbotene Drogen ist nach Meinung der Suchtverbände nicht geeignet, der Vielzahl mehr oder weniger riskanter Konsumverhalten gerecht zu werden. Die gegenwärtige Politik gehe daher an der realen gesellschaftlichen Suchtproblematik vorbei.

Der prominente Schweizer Suchtexperte Primar Reinhard Haller schloss sich dieser Forderung an und sprach sich für eine Regelung aus, bei der Cannabiskonsum wie Falschparken geahndet würde. Es sei nicht mehr zeitgemäß, die Volksdroge Cannabis zu kriminalisieren, aber auch eine Verharmlosung der Droge findet Haller unangemessen.

Mehr zum Thema

Themen: 

Neuen Kommentar schreiben