Ausführliches Interview mit Georg Wurth auf Zakoo.de

  • Veröffentlicht am: 1. März 2011 - 11:43
  • Von: Georg Wurth
 

Logo von Zakoo.de Zakoo.de, die Jugendplattform des Zollern-Alb-Kuriers, hat sich zur Zeit das Wochenthema "Alkohol und Drogen" vorgenommen. Als Teil dieser Reihe ist ein sehr ausführliches Interview mit DHV-Sprecher Georg Wurth entstanden, das ich allen empfehlen möchte, die mal ein paar Hintergründe zur Cannabispolitik, dem DHV und Georg Wurth erfahren möchten.

Es kommt selten vor, dass man in der Presse so ausführlich zu Wort kommt. Vielen Dank deshalb an Zakoo und den Redakteur Andreas Widmann, der viel Zeit investiert hat, das Interview in schriftliche Form zu bringen.

Unten dokumentiere ich das Interview in voller Länge. Doch zunächst die Zusammenfassung, weil auch das ein so "unzensierter" Artikel ist, wie er in der deutschen Presse selten vorkommt:


Die schlimmste Nebenwirkung ist die Strafverfolgung

Wochenthema - Alkohol und Drogen
Geschrieben von: Andreas Widmann   

So lautet einer der Werbesprüche des Deutschen Hanf Verbandes, der seit März 2002 besteht und umfassende Informationen über das Genussmittel Cannabis bietet. Der Verband warnt vor den gängigen Streckmitteln und kämpft im politischen wie im privaten Bereich für eine Legalisierung von Cannabis und einem liberaleren Umgang mit Hanfprodukten. Kurz vor der Gründung des Deutschen Hanf Verbandes fand bei den Grünen eine innerparteilich Diskussion über den Umgang mit Drogen und eine neue, eventuell zweckdienlichere Drogenpolitik statt. Aus dieser Diskussion heraus entstand der Gedanke eines überparteilichen Vereins und letztendlich auch der Deutsche Hanf Verband.

„Ich habe mich, damals noch als Parteisprecher der Grünen in Remscheid, selbst angezeigt, wegen Besitz von 4 Gramm Marihuana. Um eben den Unsinn der Cannabisverfolgung deutlich zu machen. Das hat auch pressetechnisch sehr gut funktioniert“, berichtet Georg Wurth, Vorsitzender des Deutschen Hanf Verbandes über eine seiner Legalisierungsaktionen. Bis zu einer bestimmten „geringen Menge“ muss der Besitz von Cannabis nicht strafrechtlich verfolgt werden und das Verfahren wird eingestellt. Zwar waren die besagten 4 Gramm eine „geringe Menge“, diese Regelung gilt allerdings nur bei Eigenverbrauch. „Ich hab mir das Cannabis damals zum Zweck dieser Selbstanzeige besorgt. Das habe ich dann auch bei der Polizei angegeben und das war dann wohl auch der erste Grund wieso der Staatsanwalt mich unbedingt verurteilen wollte.“ Diese Erfahrungen haben Georg Wurth schließlich dazu bewogen sich beim Deutschen Hanf Verband zu engagieren und den Vorsitz zu übernehmen.

Die Legalisierung oder Entkriminalisierung ist bei weitem keine Randgruppenidee. „ Cannabis geht vom Arbeitslosen bis zum Großbanker oder Politiker. Das ist überall zu finden.“ In Deutschland leben derzeit etwa 13 Millionen Menschen mit entsprechender Konsumerfahrung und nach einer vom Hanfverband in Auftrag gegebenen EMNID-Umfrage, waren 54% der Befragten zumindest für eine Lockerung der derzeitigen Situation. Ist die Drogenprohibition, die dazu gedacht ist, Menschen zu schützen, überhaupt sinnvoll? „Wenn Leute nicht konsumieren, dann haben sie ganz andere Gründe dafür. Insbesondere wenn ihnen die Wirkung nicht gefällt oder weil sie einfach kein Interesse daran haben. Nur 3% der Nicht-Konsumenten sagten in einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass sie nicht konsumieren, weil es verboten ist. Die Repression bringt in dem Bereich nichts, aber sie hat ganz viele negative Begleiterscheinungen.“

Zum ersten wird natürlich die Strafverfolgung genannt, der die Konsumenten illegaler Rauschmittel ausgesetzt sind. „Das ist für die Konsumenten natürlich ein riesiger Eingriff ins Leben, wenn sie verfolgt werden, teilweise ihre Wohnung, ihre Jobs oder ihren Führerschein verlieren, riesige Strafen zahlen müssen oder überhaupt zum ersten Mal durch so ein Strafverfahren vom Staat als Kriminelle abgestempelt werden. Ansonsten führen sie meist ein ganz normales Leben, sind keine Verbrecher und plötzlich haben sie eine Hausdurchsuchung. Oder wenn es auch nur ein einfaches Strafverfahren ist, das dann eingestellt wird, trotzdem wird der Staat plötzlich als Feind betrachtet. Das ist ja an sich schon eine sehr negative Begleiterscheinung.“ Nicht nur der Hanfverband sondern auch viele Fachleute aus unterschiedlichsten Bereichen, die sich zum Beispiel im Schildower Kreis ( http://www.schildower-kreis.de/) zusammengetan haben, sehen allerdings noch andere negative Auswirkungen. Dem Ziel, den Drogenkonsum einzuschränken, beziehungsweise ihn zumindest kontrollieren zu können, wirkt die derzeitige Drogenpolitik entgegen.

Durch das Verbot gibt der Staat die Zügel vollständig aus der Hand und überlässt das Feld den Kriminellen und mafiaähnlichen Organisationen. „Durch den Markt an sich fördert man kriminelle Strukturen, die man nicht hätte, wenn das in einem legalen Rahmen organisiert wäre. Sie sagen immer, sie wollen gar nicht die Konsumenten verfolgen, sondern nur die Großhändler oder die Dealer, aber genau denen überlassen sie ja diesen Markt exklusiv. Das ist ein Milliardengeschäft. Und das führt z.B. auch zu jeder Menge Schwarzgeld, das im Umlauf ist. Es sind Milliarden, die irgendwie schwarz erwirtschaftet werden und dann zurück in die legale Wirtschaft fließen. Streckmittel sind natürlich auch ein ganz großes Thema. Nach unserer Erkenntnis ist mittlerweile ein sehr großer Teil des Marihuana-Marktes verseucht mit diversen schädlichen Streckmitteln. Ich geh davon aus, dass wir in absehbarer Zeit wesentlich mehr Lungenpatienten in Kliniken und bei den Ärzten haben werden. Das ist natürlich auch eine Auswirkung des Verbots, weil geprüfte Qualität im Fachgeschäft eben sauber wäre. Alleine durch diese Streckmittel werden mehr Cannabiskonsumenten die Gesundheit ruinieren als durch den Cannabiskonsum an sich.“, so Georg Wurth zu den Auswirkungen der derzeitigen Drogenpolitik. Das Verbot soll den Konsum schädlicher Substanzen verhindern und die Menschen schützen, de facto tut es dies allerdings nicht. „Es mag sein, dass das einen ganz kleinen Teil der Konsumenten abschreckt, dafür gibt es aber auch einen kleinen Teil der Konsumenten, die es deswegen erst recht konsumieren“. Organisationen wie der Hanfverband oder der Schildower Kreis machen keine Werbung für illegale Rauschmittel, sondern versuchen konstruktiv an einer neuen Drogenpolitik zu arbeiten, die allen Menschen nützt. „Ich gebe häufig auch Schulveranstaltungen in Kooperation mit der Polizei, bei denen ich die Leute auch warne, dass sie Probleme bekommen können. Dass es z.B. Risikogruppen gibt, bei denen es besonders wahrscheinlich ist, dass Cannabis ihnen eben nicht gut bekommt. Wenn man psychische Krankheiten in der Familie hatte, Psychosen, Schizophrenien oder so etwas, dann sollte man mit Cannabis natürlich sehr vorsichtig sein. Also es geht mir nicht darum, Werbung für das Genussmittel Cannabis zu machen, sondern lediglich darum, zu sagen, wie im Moment mit Millionen Konsumenten umgegangen wird. Das ist einfach nicht sinnvoll, weder für die Konsumenten, noch für die Gesellschaft!“, berichtet Georg Wurth „es sollte jedoch schon klar sein, dass Cannabis eben wesentlich weniger Schäden verursacht als Alkohol. Sowohl gesundheitlich, als auch gesellschaftlich. Und Tabak macht sehr viel schneller abhängig als Cannabis“. Die Statistiken geben solchen Aussagen Recht! Jährlich gibt es in Deutschland ungefähr 2000 Drogentote. Diesen stehen allerdings rund 40.000 Alkoholtote gegenüber. Es geht letztendlich nicht darum, den Konsum berauschender Substanzen zu fördern, sondern darum, eine Gleichbehandlung mit Alkohol und Tabak herzustellen, die sich nach sinnvollen Maßstäben bezüglich Nebenwirkungen, Abhängigkeitsgefahr und Gesundheitsschädlichkeit richtet. Es gibt kaum eine Politik, die so dogmatisch geführt wird wie die Drogenpolitik. Obwohl in Fachkreisen schon lang bekannt ist, dass Verbote die Situation eher verschlechtern und ihrem eigentlichen Ziel entgegen gerichtet wirken, verschließt sich die Politik davor. Im Gegenteil, die Regelungen werden sogar noch restriktiver und immer neue Substanzen, vor allem auch pflanzliche, werden verboten. „ Wir sehen immer wieder die gleichen Mechanismen. Es entsteht ein Schwarzmarkt, der letztendlich viel schädlicher ist für die Leute als die vorherige Situation“, so Georg Wurth.

Im Prinzip wollen Legalisierer und Prohibitionsbefürworter dasselbe Ziel erreichen, nämlich das Verbrechen zu schwächen und die Konsumenten und die Bevölkerung im allgemeinen vor gesundheitsschädlichen Substanzen schützen. Bisher ist man allerdings noch nicht bereit sich von alten Vorstellungen zu trennen um neue, erfolgreichere Wege einzuschlagen. Für das Drogenproblem selber gibt es eigentlich keine Lösung, aber die Probleme, die durch die derzeitigen restriktiven Regelungen entstehen können bekämpft werden.

Und hier das vollständige Interview:

Ausführliches Interview mit Georg Wurth
Wochenthema - Alkohol und Drogen
Geschrieben von: Andreas Widmann  

Hier nun, wie angekündigt, das ausführliche Interview mit dem Vorsitzenden des Deutschen Hanf Verbandes, Georg Wurth. Er äußert sich über die Arbeit des Deutschen Hanfverbandes, die Problematik der Drogenprohibition und die derzeit laufende Petition zur Entkriminalisierung von Cannabis. Auf Basis dieses Interviews ist der Artikel "Die schlimmste Nebenwirkung ist die Strafverfolgung" entstanden.

Herr Wurth, den Deutschen Hanf Verband gibt es seit März 2002. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass man einen Hanfverband braucht?

(lacht) Ja, also ich hab da schon länger darüber nachgedacht, welche Initiativen es geben könnte, oder welche sinnvoll wären. Um die Jahrtausendwende hatten wir gerade bei den Grünen innerparteilich eine drogenpolitische Arbeitsgruppe gegründet und waren im Netzwerk von mehreren Leuten auch der Meinung, dass da auch überparteilich Vereine notwendig wären. Ich war da allerdings erst mal 11 Monate unterwegs auf einer Weltreise und hab in der Zeit sehr viel drüber nachgedacht wie das gehen könnte. Als ich dann aber wieder kam, war im Prinzip schon der Verein für Drogenpolitik gegründet, der also auch in dieser Zeit entstanden ist. Den Hanfverband hab ich gar nicht selbst gegründet, sondern das waren Kollegen vom Hanfjournal, die sich auch das Konzept überlegt haben, das Ganze als Firmenstruktur zu machen und die mich dann als Mitinhaber und Geschäftsführer reingeholt haben. Allerdings erst kurz nach der Gründung. Das passte aber an sich sehr gut zu meinem Thema, dass ich gesagt habe wir brauchen eine außerparteiliche drogenpolitische Initiative. Beim Thema „Hanf“ ist da auch am meisten Musik drin, weil da die Zustimmungsraten in der Bevölkerung für eine liberalere Politik einfach am größten sind. Da haben wir die meisten Konsumenten und von daher hab ich mich dann eben auf diese Cannabisfrage spezialisiert.

Wie kommt es, dass es diese Firmenstruktur gibt, der Hanfverband also ein Einzelunternehmen und kein eingetragener Verein ist?

Ja, das habe ich so geerbt! Meine Kollegen haben das so aufgebaut und ich bin dann ja einfach so dazu gestoßen. Ich muss aber sagen, dass ich das mittlerweile sehr zu schätzen weiß und damit auch sehr positive Erfahrungen gemacht habe. Ich habe vorher zehn Jahre lang in Parteien und Vereinen gearbeitet und da eben auch die Schattenseiten solcher ehrenamtlich strukturierter Arbeit erlebt. Ewige Debatten über Kleinkram, Blödsinn, Satzungen usw. So wie wir es jetzt haben, können wir wesentlich effizienter und effektiver arbeiten. Das ist meine Erfahrung und der Hanfverband zeigt ja auch, dass sich das bewährt.

Cannabis ist ja ein Thema bei dem es sicherlich Gegner gibt. Gab es bei der Gründung irgendwelche Probleme? Wurden Ihnen in irgendeiner Form Steine in den Weg gelegt?

Nein, überhaupt nicht! Also bis heute könnte ich jetzt nicht sagen, dass ich großartig irgendwelche Probleme mit meiner politischen Arbeit gehabt hätte. Nein, das läuft eigentlich ganz gut, ich sehe das auch als Ausdruck meines demokratischen Rechts auf freie Meinungsäußerung und ich hab auch vorher schon Politik betrieben in allen möglichen anderen Richtungen. Von daher war das jetzt für mich auch nichts Neues, dieses Thema anzugehen. Wegen der Arbeit an sich gab es eigentlich nie wirklich Probleme, weder staatlicherseits, noch von anderen Seiten. Außer wenn das sozusagen kalkuliert war. Also angefangen hat das bei mir persönlich alles damit, dass ich mich selbst angezeigt habe, wegen Besitz von 4 Gramm Marihuana. Damals noch als Parteisprecher der Grünen in Remscheid. Um eben diesen Unsinn der Cannabisverfolgung deutlich zu machen. Das hat auch pressetechnisch sehr gut funktioniert, aber dann sollte ich trotzdem verurteilt werden, obwohl es eine geringe Menge war. Und dadurch bin ich dann am Thema hängen geblieben.

Heißt Sie haben früher selbst Cannabis konsumiert bzw. konsumieren immer noch?

Ich hab mir im Prinzip dieses Cannabis damals zum Zweck dieser Selbstanzeige besorgt. Das habe ich dann auch bei der Polizei angegeben und das war dann wohl auch der erste Grund wieso der Staatsanwalt mich unbedingt verurteilen wollte. Diese Einstellung des Verfahrens bei geringer Menge gilt eben nur bei Eigenverbrauch. Heißt, wenn ich in NRW erwischt werde mit 4 Gramm, dann wird das Verfahren eingestellt. Wenn ich aber zur Polizei gehe und sage ich möchte mich selbst anzeigen, ich will das überhaupt nicht konsumieren, dann wird das Verfahren eben nicht eingestellt. Ja, das war schon eine merkwürdige Geschichte (lacht). Ja, aber damit haben sie mich ans Thema gebunden und jetzt haben sie mich am Hals.

Wie sieht dann die Arbeit des Hanfverbandes genau aus? Und in wie weit hat sie sich auch verändert? Gab es irgendeine Entwicklung seit der Gründung?

Ja klar, dass kann man schon sagen. Aber im Prinzip ist die Grundzielsetzung gleich geblieben. Es geht letztendlich als Hauptziel darum, Cannabis als Genussmittel zu legalisieren bzw. den Markt zu regulieren. Ich meine der Markt besteht ja, es geht nicht darum einen neuen Markt einzuführen sondern um die Frage, ob der gerade sinnvoll organisiert ist mit Verboten usw. und ob es nicht auch sinnvoller geht. Und daran hat sich nichts geändert. Mittlerweile haben wir auch noch ein paar andere Themen, die jetzt z.B. die Diskriminierung von Konsumenten betreffen. Z.B. das Führerscheinthema. Dass einfach ganz viele Cannabiskonsumenten den Führerschein verlieren, obwohl sie gar nicht berauscht gefahren sind. Das sind Sachen, die können nicht sein und darum kümmern wir uns auch. Ebenso wie um Cannabis als Medizin und Cannabis als Biorohstoff, also Nutzhanf. Wir haben eben die Zielrichtung einerseits politische Lobbyarbeit zu machen, also direkt im Kontakt mit Politikern. Dann aber auch Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, also mit Flyern und eben auch versuchen in die Medien zu kommen mit unseren Filmen z.B. über die Repressionsopfer. Das sind so die Hauptrichtungen. Die Arbeit an sich hat sich eher organisatorisch verändert, weil der Hanfverband eben auch gewachsen ist. Wir haben damals als reiner Branchenverband angefangen und mittlerweile haben wir viel mehr private Unterstützer als gewerbliche. Da ist auch das größte Wachstum drin und das bedeutet aber auch, dass wir ganz andere Strukturen brauchen. Ich hab damals angefangen mit einer halben Stelle mit 20 Stunden die Woche und mittlerweile haben wir hier mit Praktikanten ein Team von 5 Leuten. Die arbeiten zwar außer mir alle nicht voll, aber das verändert die Arbeit natürlich schon massiv!

Wie viele private und Firmenunterstützer hat der Hanfverband derzeit?

Also Firmenunterstützer sind es gut 100 und Privatunterstützer etwa 270.

Sie haben gesagt der Hanfverband betreibt Lobbyarbeit. Wie sieht das aus? Mit welchen Parteien arbeitet der Hanfverband da zusammen? Sie selbst waren ja bei den Grünen, von dieser Seite ist also Kooperation zu erwarten, aber wie sieht es bei den anderen Parteien aus?

Ja gut, man kann schon sagen, die Grünen und die Linken sind quasi unsere Freunde, die haben beide die Cannabislegalisierung in ihren Programmen stehen, von daher sind sie natürliche Verbündete. Wobei jetzt auch beide Parteien nicht so viel Herzblut da reinstecken. Bei den Linken sind soziale Themen sicherlich wichtiger und bei den Grünen der Atomausstieg, das ist noch ein bisschen das Problem, dass die da nicht mit Feuereifer rangehen. Obwohl die Unterstützung in der Bevölkerung für eine liberalere Cannabispolitik eigentlich riesig ist. Aber immerhin, die sind schon auf unserer Seite und die sind nicht unser Problem, sondern das Problem sind eher die anderen Parteien, insbesondere CDU und SPD. Die bewegten sich halt überhaupt nicht in dieser Frage und haben in der Vergangenheit eher die Regeln verschärft. Also gerade die „Geringe Menge“-Regelungen sind immer mehr verschärft worden. Da müssen wir noch ganz dicke Bretter bohren und da ergibt sich noch nicht arg viel an Zusammenarbeit, höchstens mal mit ganz vereinzelten Personen oder auch den Jugendorganisationen. Die FDP ist halt ziemlich „wischi-waschi“ bei dem Thema. Die haben da überhaupt keine Meinung. Ein Länderverband fordert dann mal Liberalisierung und ein anderer Landesverband trägt die nächste Verschärfung mit. Das ist im Prinzip eine Nullnummer.

Jetzt einmal eine eigentlich ganz banale Frage, aber warum sollte Cannabis denn überhaupt entkriminalisiert oder sogar legalisiert werden?

Ja, da muss ich jetzt natürlich sehr weit ausholen, es gibt ganz viele Argumente dafür. Das ist auch einer der Gründe wieso ich mich so in dieses Thema rein gestürzt habe, denn eigentlich sprechen alle Argumente für eine Legalisierung. Ich kenne überhaupt kein vernünftiges Argument dafür, es so zu belassen wie es jetzt ist, denn der einzige sinnvolle Grund das Cannabisverbot aufrechtzuerhalten wäre ja, wenn man damit den Konsum der Bevölkerung senkt und damit auch die Zahl der problematischen Konsumenten verringert. Keine Frage, es gibt Menschen, die mit Cannabiskonsum nicht umgehen können, die Probleme damit kriegen. Wissenschaftler sagen, je nachdem wen man fragt, mal zwei Prozent der Konsumenten, mal zehn Prozent. Aber relativ wenige Konsumenten haben Probleme. Wenn man jetzt den Konsum aber insgesamt verringern könnte, dann könnte man eben auch von den zehn Prozent einige retten. Allerdings gibt es gar keine Hinweise darauf, dass das Cannabisverbot den Konsum verringert. Da gibt es etliche Studien dazu, man kann Länder vergleichen mit mehr oder weniger liberaler Cannabispolitik und es wirkt einfach überhaupt nicht in dem Sinne. Wenn Leute nicht konsumieren, dann haben sie ganze andere Gründe dafür. Insbesondere wenn ihnen die Wirkung nicht gefällt oder weil sie einfach kein Interesse daran haben. Die Repression bringt in dem Bereich nichts, aber sie hat ganz viele negative Begleiterscheinungen. Also einmal für die Konsumenten selbst ist das natürlich ein riesen Eingriff ins Leben, wenn die verfolgt werden, teilweise ihre Wohnung verlieren, ihre Jobs verlieren, ihren Führerschein verlieren, riesige Strafen zahlen müssen oder überhaupt zum ersten Mal durch so ein Strafverfahren vom Staat als Kriminelle abgestempelt werden. Ansonsten führen sie meist ein ganz normales Leben, sind keine Kriminellen und plötzlich haben sie eine Hausdurchsuchung oder wenn es auch nur ein einfaches Strafverfahren ist, das dann eingestellt wird, trotzdem wird der Staat plötzlich als Feind betrachtet. Das ist ja an sich schon eine sehr negative Begleiterscheinung. Und dann kommen aber noch für die Gesellschaft selbst ganz viele negative Aspekte hinzu. Durch den Markt an sich fördert man kriminelle Strukturen, die man nicht hätte, wenn das in einem legalen Rahmen organisiert wäre. Aber so ist es quasi so, dass man diese illegalen Strukturen stärkt. Ich will das jetzt nicht Mafia nennen, es gibt auch anständige Hanfhändler, aber tendenziell unterstützt man damit Leute, die man eigentlich loswerden möchte. Sie sagen immer sie wollen gar nicht die Konsumenten verfolgen, sondern nur die Großhändler oder die Dealer, aber genau denen überlassen sie ja diesen Markt exklusiv. Das ist ein Milliardengeschäft. Und das führt z.B. auch zu jeder Menge Schwarzgeld, das im Umlauf ist. Es sind Milliarden, die irgendwie schwarz erwirtschaftet werden und dann zurück in die legale Wirtschaft fließen. Das Verbot verursacht auch enorme Kosten. Das kostet ja jede Menge Geld den Leuten hinterherzurennen, 100.000 Verfahren nur gegen Konsumenten einzuleiten, Insgesamt 130.000 Strafverfahren ungefähr jedes Jahr wegen Cannabis. In der Zeit kann die Polizei eben keinen Einbrecher jagen und sich nicht um Gewaltverbrechen kümmern und das kostet halt Geld ohne Ende. Dazu kommt aber auch noch, dass wir uns Steuereinnahmen entgehen lassen. Bei Tabak und Alkohol ist es ganz selbstverständlich, dass der Staat da mitverdient. Bei Cannabis verzichtet man darauf weil das halt irgendwie böse ist und man es unbedingt verfolgen möchte. Das macht doch keinen Sinn! Medizinisch gibt es eigentlich auch keinen Grund für diese Ungleichbehandlung. Kaum ein Experte wird dem widersprechen, dass man sagt, Alkohol hat schädlichere Auswirkungen als Cannabis, das ist eigentlich relativ eindeutig. Ich möchte jetzt nicht sagen Cannabis ist harmlos, aber für diese rechtliche Ungleichbehandlung die wir derzeit haben, gibt es keine medizinischen Gründe. Naja, und so kommt dann eben eins zum anderen. Streckmittel sind auch ein ganz großes Thema. Nach unserer Erkenntnis ist mittlerweile ein sehr großer Teil des Marihuana-Marktes verseucht mit diversen schädlichen Streckmitteln. Ich geh davon aus, dass wir in absehbarer Zeit wesentlich mehr Lungenpatienten in Kliniken und bei den Ärzten haben werden. Das ist natürlich auch eine Auswirkung des Verbots, weil geprüfte Qualität im Fachgeschäft eben sauber wäre. Alleine nur diese Streckmittel werden mehr Cannabiskonsumenten die Gesundheit ruinieren als der Cannabiskonsum an sich.

Also würden Sie auch sagen, dass man sein Cannabis lieber pur raucht, als es mit Tabak zu mischen?

Ja auf jeden Fall! Logisch, Tabak macht sehr viel schneller abhängig als Cannabis und Rauch ist immer schädlich, egal ob von Tabak oder von Cannabis, aber wenn man es pur raucht, dann ist ja die Rauchmenge die man inhaliert schon weit geringer. Aber im Grunde kann man eigentlich auch den Konsumenten, die sowieso konsumieren nur dazu raten, vielleicht auch mal etwas anderes auszuprobieren. Z.B. Verdampfungsgeräte, Vaporisatoren, wo dann gar kein Rauch mehr entsteht, sondern nur ein Dampf eingeatmet wird. Oder auch, wer sich damit auskennt und dosieren kann, der wird vielleicht auch mit oraler Aufnahme glücklich und schädigt sich damit eben die Atemwege nicht.

Aber durch das Verbot können die Leute nicht einfach in den Laden laufen und sich Cannabis kaufen wie Schnaps, sondern sie müssen zu einem Dealer, sie begeben sich in ein illegales Milieu, schreckt das nicht manche Leute ab?

Es mag sein, dass das einen ganz kleinen Teil der Konsumenten abschreckt, dafür gibt es aber auch einen kleinen Teil der Konsumenten die es deswegen erst recht konsumieren. Gerade unter Jugendlichen, die sich vielleicht auch von den Erwachsenen ein wenig abgrenzen wollen, da ist dieser Reiz des Verbotenen doch recht groß. Ich geh davon aus, dass sich das ungefähr ausgleicht. Viele lassen sich allerdings nicht abschrecken, insbesondere die die man schützen will. Junge Menschen, bei denen vielleicht auch die Gefahr, dass jemand zu viel konsumiert oder eine psychische Abhängigkeit entwickelt am größten ist, da geht diese Abschreckung gegen Null. Wenn man sich anschaut, dass 30-40% der Schüler, die mit der Schule fertig werden schon einmal Cannabis probiert haben, dann kann man sich vorstellen, was für eine Abschreckungswirkung da noch da ist. Oder es gibt z.B. auch Umfragen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, bei der auch Leute mal gefragt worden sind die nicht konsumieren, warum sie nicht konsumieren. Wie eben schon gesagt sind da ganz viele dabei die sagen, es interessiert sie nicht, oder es passt nicht in ihren Freundeskreis, sie haben Angst vor der Wirkung und alles Mögliche. Nur 3% von denen haben eben auch gesagt, dass sie nicht konsumieren weil es verboten ist. Es spielt also letztendlich keine Rolle.

Gibt es überhaupt einen Durchschnittskonsumenten. Also kann man sagen, der normale Cannabiskonsument ist beispielsweise zwischen 16 und 20 Jahren alt, hat einen bestimmten Job und eine bestimmte Schulbildung. Oder geht das durch die ganze Gesellschaft?

Nein, das geht quer durch. Kann man so nicht eingrenzen. Auch die Konsummuster sind extrem unterschiedlich. Es gibt halt Leute, die ganz gelegentlich nur konsumieren, einmal im Jahr oder fünfmal im Jahr, einmal die Woche. Und selbst bei denen die täglich konsumieren, sind die Unterschiede riesig. Da gibt es Leute, die rauchen vielleicht 0,1 oder 0,2 Gramm am Tag und es gibt auch Leute, die rauchen halt einige Gramm am Tag. Und die arbeiten auch in extrem unterschiedlichen Berufen. Das geht dann schon vom Arbeitslosen bis zum Großbanker oder Politiker. Das ist überall zu finden.

Dann ist Cannabis keine Randgruppenerscheinung, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Auf jeden Fall! Wir haben in Deutschland fast 13 Mio. Menschen mit Cannabiskonsumerfahrung, das ist ein sehr großer Anteil der Bevölkerung und das sind ganz normale Leute. Weder Verbrecher noch Sozialhilfebetrüger. Was weiß ich, was sich die Leute da zusammen fantasieren, aber das sind ganz normale Leute. 13 Mio. die das probiert haben und die nicht das Gefühl hatten, deswegen Verbrecher zu sein.

Man sieht das ja auch daran, dass die Petition zur Entkriminalisierung von Cannabiskonsumenten, die sich derzeit in der parlamentarischen Prüfung befindet, allein online mehr als 21.000 Unterzeichner hatte.

Das ist für mich eher auch ein Zeichen dafür, dass die Leute sich langsam mehr trauen ihre Meinung dazu zu sagen. Also in Deutschland herrscht ein Klima der Angst, was dieses Thema anbelangt. Ich glaube wir hätten ohne das noch viel mehr Unterstützer bekommen. Wir haben im Sommer eine Umfrage gemacht, die ergeben hat, dass eine Mehrheit der Deutschen für ein liberaleres Cannabisrecht ist. Zwar nicht unbedingt für eine komplette Legalisierung, aber eben dass die Konsumenten nicht so verfolgt werden. Und das ist ja auch genau das, was meine Petition gefordert hat. Und bei der Umfrage hatten wir eine Zustimmungsrate von 54%, wenn man jetzt mal Legalisierung und Entkriminalisierung zusammenlegt. Und da steckt einfach ein großes Potential drin und ich merke aber immer wieder, dass man das sehr schlecht mobilisiert bekommt. Also auch Leute, die sonst jede Sache unterschreiben würden, von Atomkraft bis Genfood, die schreiben ihren Namen nicht unter eine Cannabispetition. Zum Teil, weil sie denken, dass die Behörden dann irgendwie eine Hausdurchsuchung machen, oder das der Arbeitgeber Ärger macht, wenn er das mitbekommt. Das ist auf jeden Fall ein Klima, das wir noch weiter überwinden müssen, aber die Cannabispetition war ein Riesenschritt in diese Richtung. Wir hatten vorher auch schon Email-Protestaktionen, die vielleicht mal die Tausendermarke überschritten haben, aber über 20.000 ist natürlich schon eine ganz andere Dimension.

Viele hat es ja abgeschreckt, dass sie bei der Petition ihren Namen und ihre Adresse angeben mussten. Wäre es nicht vielleicht sinnvoll eine Cannabispartei zu gründen, die jeder anonym wählen kann?

Na gut, man kann natürlich auch den Hanfverband anonym unterstützen. Die meisten unserer privaten Mitglieder machen das ja anonym, in dem Sinne, als dass sie nicht auf unserer Homepage erwähnt werden. Oder dass sie einfach nicht selbst aktiv werden und auf die Straße gehen, sondern unsere Arbeit unterstützen. Dafür braucht man nicht unbedingt eine Partei. Die Frage kommt allerdings häufiger. Ich bin nicht der Meinung, dass das besonders sinnvoll ist, auch weil ich eine grobe Vorstellung davon habe, was für einen riesigen Aufwand es bereitet eine Partei auf die Beine zu stellen, die irgendwann einmal auch Einfluss haben soll und eine entsprechende Größe erreicht. Parteiarbeit ist halt extrem aufwändig, schon in einer bestehenden Partei. Für die Gründung braucht man aber wirklich hunderte von Leuten, die daran arbeiten.

Ich hatte jetzt vor allem auch an die Unterstützungsgelder gedacht die man als Partei bekommen kann.

Ja gut, aber auch erst ab einem bestimmten Grad. Dafür muss man auch schon eine Menge Stimmen zusammen kriegen und bis man da ankommt, dass man das erreicht hat, hat man schon einiges Geld versenkt. Dafür bräuchte man zig tausend Euro, die überhaupt nicht zur Verfügung stehen und so viele freiwillige Helfer die man bräuchte stehen auch nicht zur Verfügung. Ich halte das im Moment einfach kaum für durchführbar, auch weil wir sowieso irgendwann eine Mehrheit im Bundestag haben müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Dafür müssen wir die anderen Parteien überzeugen, für eine Mehrheit zumindest eine der großen Volksparteien. Ich setze eher darauf zu überlegen, wie man die überzeugen kann oder vielleicht auch, wie man Leute davon überzeugen kann in eine Partei ihrer Wahl einzutreten und dort Drogenpolitik zu betreiben. Das halte ich für sinnvoller, als jetzt nochmal eine eigene Spielwiese „Cannabispartei“ aufzumachen. Kann natürlich sein, dass ich mich da täusche, wenn es irgendwann eine Partei gibt, werde ich die sicherlich auch unterstützen, aber ich glaube nicht, dass uns das zum Ziel führt

Die ganze Art wie Sie über Cannabis sprechen, das kann man ja schon irgendwie als verdrehte Drogenberatung bezeichnen. Gibt es da manchmal Probleme mit Drogenberatungsstellen oder Präventionsabteilungen der Polizei? Oder arbeiten Sie mit denen sogar zusammen?

Nein, ich hab da auch schon Zusammenarbeit gehabt. Also gemeinsame Schulveranstaltungen oder so. Ich mach ja keine Werbung für Cannabis. Ich warne durchaus auch Leute, dass sie damit Probleme bekommen können. Dass es z.B. auch Risikogruppen gibt, bei denen es besonders wahrscheinlich ist, dass Cannabis ihnen eben nicht gut bekommt. Z.B. wenn man psychische Krankheiten in der Familie hatte. Psychosen, Schizophrenien oder sowas, dann sollte man mit Cannabis natürlich sehr vorsichtig sein. Also es geht mir nicht darum Werbung für das Genussmittel Cannabis zu machen, sondern lediglich darum, zu sagen wie da im Moment mit Millionen Konsumenten umgegangen wird. Das ist einfach nicht sinnvoll, weder für die Konsumenten, noch für die Gesellschaft!

Ganz plakativ, wenn Sie jetzt die Entscheidung fällen müssten, kiffen oder saufen? Was würden Sie jemandem „raten“?

Naja, das läuft ja jetzt schon wieder darauf raus, dass ich irgendwie Werbung dafür machen würde. Ich denke das kommt auch sehr auf die Person selber an. Ich kenne auch sehr viele Leute die sagen, sie vertragen Cannabis nicht, das macht sie nur müde, das bringt ihnen nichts, sie fühlen sich nicht wohl und mit Alkohol kommen sie wunderbar klar. Dann sollen die halt Alkohol trinken, wenn sie nicht zu viel trinken. Und die anderen sagen ihnen bekommt kein Alkohol, Cannabis sei besser, da werden sie nicht aggressiv und haben einfach ihren Spaß. Die sollten natürlich auch aufpassen, dass sie nicht zu viel nehmen, aber es sollte schon klar sein, dass Cannabis eben wesentlich weniger Schäden verursacht. Sowohl gesundheitlich, als auch gesellschaftlich.

Sie haben ja auch ein Buch geschrieben, „Rauschzeichen“, in dem eben solche Dinge diskutiert werden, Da wird Ihnen doch sicherlich immer wieder vorgehalten, Sie würden damit Jugendliche zum Konsum animieren.

Da kann ich mich jetzt gar nicht mehr daran erinnern (lacht). Nein, damit habe ich eigentlich überhaupt keine Probleme, das gibt das Buch aber auch gar nicht her. Ich will auch niemanden zum Konsum anregen, ganz im Gegenteil. Das Buch geht ja auch eher in die Richtung, dass es sagt bei ganz besonders jungen Leuten ist das Risiko eben höher. Das steht auch ganz konkret drin. Und dass auch eine Altersgrenze sinnvoll wäre, wenn man dann mal die lizenzierten Fachgeschäfte hat. Das Buch ist hoch gelobt worden, aus allen möglichen Richtungen. Von Hanfzeitungen bis zum Verein „Keine Macht den Drogen“ und überhaupt in der drogenpolitischen Fachwelt. Wir haben von überall her ein sehr gutes Feedback bekommen. Auch die „normale“ Presse vom Deutschlandfunk bis zur „Welt“ und wo das Buch überall angerissen wurde, hat durchweg gute Kritiken gegeben. Und es war auch nirgendwo zu lesen, dass wir irgendwen verführen.

Wenn Eltern herausfinden, dass ihr Kind Cannabis konsumiert, wie sollen sie darauf reagieren? Bietet da der Hanfverband in irgendeiner Form Hilfe an?

Wir können nicht konkret helfen. Wir können uns nicht um Einzelfälle kümmern, weil einfach mittlerweile zu viel kommt. Wir sind so bekannt, dass wir die Anfragen kaum bewältigt bekommen. Aber wenn jetzt Eltern da sind, deren Kinder kiffen und fragen, was sie jetzt machen sollen, dann ist das Buch „Rauschzeichen“ eigentlich genau das Richtige. Gerade weil es sich auch an solche Leute, Verwandte, Bekannte, Angehörige, Freunde richtet, die nicht so viel Ahnung von Cannabis haben. Einfach, um ihnen einen gewissen Einblick in die ganze Geschichte zu geben. Ich kann nur dazu raten ruhig zu bleiben und das ähnlich zu betrachten, als würde das Kind Alkohol ausprobieren. Wenn jemand mal einen Joint raucht, dann ist das noch lange kein Indiz dafür, dass da irgendein großartiges Problem besteht. Genauso wenig, wie wenn ein Jugendlicher zum ersten Mal übers Wochenende betrunken nach Hause kommt. In gewissem Rahmen ist das durchaus verträglich und ok und sind dann halt Gespräche angesagt zwischen Eltern und Kindern, in denen man mal versucht herauszufinden, wie der Konsum jetzt ist. Ob da jetzt jeden Tag konsumiert wird, oder einmal im Monat, oder ob eben irgendwelche anderen Probleme bestehen. Letztendlich kann es sogar ein Türöffner dafür sein, dass man sich über Probleme unterhält von denen die Eltern vielleicht noch gar nichts wussten. Aber bei den allermeisten Jugendlichen ist es wirklich nur Probier- und Spaßkonsum und hört dann auch irgendwann wieder auf.

Andersherum gefragt, wie soll ein Jugendlicher damit umgehen, wenn es jetzt entweder seine Eltern herausfinden und Probleme machen, oder wenn er mit dem Gesetz in Konflikt gerät?

Bei Jugendlichen die von den Eltern erwischt werden, da würde ich vorschlagen, die sollten denen zuerst ein „“Rauschzeichen“ schenken, damit die Eltern einigermaßen auf dem gleichen Stand sind, wie der Jugendliche selbst wahrscheinlich ist. Dann sollte ein Jugendlicher selbst vielleicht auch gucken, warum konsumiert wird und in welchem Maße und ob das verträglicher Konsum ist oder ob er sich damit doch schon irgendwelche Steine in den Weg legt, weil die Schule nicht mehr richtig funktioniert, oder weil er seine Freunde verliert. Das kann natürlich alles passieren und darauf sollte auch jeder Jugendliche selbst achten. Und zum Stress mit dem Staat kann ich nicht viel sagen. Wenn man da einmal in die Mühle gerät, dann hat man natürlich erst einmal ein Problem, je nach dem wo man auch ist. In Bayern ist es z.B. schlimmer als in Berlin. Da kann man schon ziemlich empfindliche Probleme bekommen. Aber gut, da kann ich nur dazu aufrufen, einen Verein wie den Deutschen Hanf Verband zu unterstützen oder irgendetwas anderes zu tun, um an den Verhältnissen etwas zu ändern. Oder eben aufzuhören zu konsumieren, wenn man keinen Ärger haben will.

Der Hanfverband beschäftigt sich ja nicht nur mit Cannabis sondern nimmt ja auch an anderen Diskussionen teil, z.B. im Bezug auf Magic Mushrooms. Welche Position haben Sie da?

Naja, andere Drogen als Cannabis konkret behandeln wir relativ selten, aber hin und wieder äußern wir uns mal dazu. Im Grunde bin ich der Meinung, dass das Prinzip der Drogenprohibition insgesamt mehr Schaden als Nutzen bringt und das politisch auch zusammenhängt. Man kann jetzt nicht Cannabispolitik alleine betreiben, ohne zu sehen wie sich Politik insgesamt zum Thema Rausch in der Gesellschaft stellt. Ohne die Entwicklung z.B. auch bei Tabak und Alkohol zu beobachten, die auch immer restriktiver wird. Und gerade bei pflanzlichen Drogen sag ich halt auch, es macht keinen Sinn eine Pflanze zu verbieten. Wer hat überhaupt das Recht eine Pflanze zu verbieten? Und wenn wir uns zu anderen Drogen äußern, dann eben bevorzugt auch zu anderen pflanzlichen Drogen, die auch in den letzten Jahren zum großen Teil erst verboten worden sind. Wir sehen immer wieder die gleichen Mechanismen. Es entsteht ein Schwarzmarkt, der letztendlich viel schädlicher ist für die Leute als die vorherige Situation. Aber an sich konzentrieren wir uns im Wesentlichen auf die Cannabisfrage.

Vielen Dank, Herr Wurth, für das ausführliche Interview!

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